Schweiz: Noble Trails durch himmlische Gefilde

Entlang der fünf Finger Gottes offenbart das Saanenland epischen Bikespaß. Die Reichen und Schönen waren alle schon mal in GSTAAD , bisher allerdings selten zum Mountainbiken. Doch das ändert sich jetzt.

Sophia Loren, Elisabeth Taylor, Roger Moore … – sie alle waren schon in Gstaad. Und nächtigten im altehrwürdigen, unendlich noblen Palace Hotel, einem der besten Häuser der Schweiz, ja wenn nicht sogar der Welt. Die Gästegalerie im Foyer offenbart das Who is Who von alten und neuen Hollywood-Granden, Industriemagnaten und Blaublütern. Gleich einer Ritterburg thront der Monumentalbau hoch über den mondänen Holzchalets der 7000-Seelen-Gemeinde. Als Wintersportort genießt Gstaad seit Jahrzehnten weltweites Renommee. Die Biketrails hingegen waren bis dato eigentlich nur Insidern ein Begriff. Doch seit mehreren Jahren setzt Gstaad-Saanenland-Tourismus nun auch auf diese Trumpfkarte. Und wenn die Eidgenossen Neuland betreten, dann richtig. Fünfzig Trails wurden seither ausgescoutet und beschildert, es gibt eine gratis Karte und für jede Tour auch die passenden GPS-Daten zum Download. Freeride-orientierte Touren sollen folgen. Maßgeblich beteiligt daran war und ist auch Claude Frautschi, seines Zeichens Swiss Certified Mountainbike Guide, der bereits 2007 „MTB-Saanenland“ ins Leben rief und seither seine mal mehr oder weniger prominenten Gäste über die Bergketten führt. „Klar, ich hatte auch schon Gäste aus dem Palace, dem Bellevue und anderen 5-Sterne Hotels“, sagt Claude. „Fitness ist auch für Weltstars oberstes Gebot. Und eine Biketour über die Berge unseres Saanenlands lässt die Promis doch viel besser runterkommen als eine langweilige Trainingseinheit im Gym.“ Beim Stichwort „name-dropping“ schmunzelt er kurz und deutet mit den Fingern auf versiegelte Lippen. „Hier in Gstaad hat die Diskretion oberste Priorität.“

Biker am Am Col des Anderets ©Norbert Eisele-Hein
©Norbert Eisele-Hein

Wir starten in Gsteig, klettern unendliche Kehren hoch.

Die Sonne brennt schon am frühen Morgen gnadenlos auf die Mischung aus Schotter und verworfenem Asphalt. „Die Auffahrten hier sind allesamt mächtig steil. Viele Wege müssen schier befestigt werden, weil sie sonst abrutschen würden“, erklärt Claude. Gerade erreichen die Sonnenstrahlen das Skigebiet „Glacier 3000“, raffiniert wird der 3209 Meter hohe Gipfel „Diablerets“ hinterleuchtet. Die Teufelsgabel, eine kapitale Seilbahnstation und Gipfelrestaurant in Form eines betonierten Dreizacks, entworfen vom Stararchitekten Mario Botta, dominiert die Skyline. Am Col des Anderets haben wir bald 900 Höhenmeter in den Beinen und etliche Körner verballert, doch jeder Schweißtropfen wird belohnt. Schönste Schotter-Switchbacks und eine ganze Reihe feiner Singletrails zielen direkt in eine wabernde Wattepackung. Über dem Arnensee hängt ein diamanten funkelndes Wolkenmeer. Auf unserer Route schreddern wir ganz nebenbei auch direkt über den „Röstigraben“, die schweizerisch-französische Sprachgrenze. Col du Pillon, Col des Anderets, La Palette hießen die Landmarken bis hierher. Jetzt lesen wir Seeberghorn, Unters Stuedeli und Walighürli auf der Karte. Vom Col de Voré zum Seeberg bringt der Trail puren Flow. Die heftig steilen Kehren zum Arnensee sind nur von technisch versierten Bikern ohne Tragepassage machbar. Die Europaweiten Starkregenfälle haben auch hier nicht Halt gemacht. Im Restaurant „Haus zum Arnensee“ lassen sich die Depots vorzüglich auffüllen. Frischer Fisch aus dem Bergsee, „s’Gitzi“, also butterweiches Kitzfleisch direkt von der Weide, der Gasthof ist rappelvoll. Maserati, Bentley, eine Handvoll Cayennes, auf dem Parkplatz türmen sich die Luxuskarossen. O.k. – die Schweiz war noch nie ein Schnäppchenziel und das noble Gstaad erst recht nicht. Aber Saanenland-Tourismus hat mittlerweile 11 Bikehotels zertifiziert, die auch dem normal gefüllten Geldbeutel erstklassigen Service bieten.

Schmaler Pfad am Col du Pillon ©Norbert Eisele-Hein
©Norbert Eisele-Hein

Zweiter Streich: von Zweisimmen hoch hinauf bis über den Seebergsee.

Auch unser zweiter Streich erfordert anfangs einen festen Tritt und ordentlich Puste. Erneut schraubt sich die Straße bald 1000 Höhenmeter am Stück von Zweisimmen hoch hinauf bis über den Seebergsee. Der See liegt göttlich. Umrahmt von monströsen Steinfindlingen wirkt er fast schon wie ein überdimensionierter ZEN-Garten. Come up – slow down lautet einer von Gstaads Werbeslogans. Das passt. Aber Vorsicht, bloß nicht von meditativen Ruhe einlullen lassen. Die Abfahrt runter zum See erfordert volle Konzentration, sie hat einige enorm steile, knifflige Passagen. Ohnehin lässt sich einen knappen Kilometer weiter noch viel besser pausieren. Ringsherum markante Gipfelzacken, das Schweizer Kreuz flattert im Wind, Kuhglocken bimmeln einen fast schon in Trance, der Almbauer serviert Hobelkäse und Würste … auf der Stierenbergalm verdichten sich die Klischees fast schon zur eidgenössischen Reizüberflutung. Mitten auf dem Hof steht sogar noch ein mit Holzscheiten beheiztes Molkebad. Der rustikale Holztrog mit Kamin ist ein echter Wellness-Knüller… aber das heiße Wasser macht Geist und Beine träge… und noch sind es bald 150 Höhenmeter bis zum Gubi, dem Scheitelpunkt der Route. Hier startet das eigentliche Feuerwerk erst. Die folgenden 1050 Höhenmeter Downhill sind, abgesehen von ein paar Karrenwegen zum Bremsfinger relaxen, ein einziger Singletrailtraum. Kaum lenkerbreit, hübsch steil und technisch einfach zirkelt die Route „üf de Fluene“ über die offene Bergflanke. Die Rocky Mountains lassen grüßen. Beim Eisbecher in Zweisimmen kramt Beat, noch immer benommen vom Trail, seine Kindheitserinnerungen aus. „In der Primarschule hat uns die Lehrerin öfter die Legende erzählt, dass das Saanenland von Gott geschaffen wurde. Während der Schöpfung musste sich Gott ein wenig ausruhen. Er legte seine Hand auf der Erde ab, schuf mit dem Ballen die Ebene von Gstaad und mit seinen Fingern die fünf von Gstaad abgehenden Täler.“

Markierung Bikerrouten Schweiz ©Norbert Eisele-Hein
©Norbert Eisele-Hein

Dritter Streich: der dritte Finger Gottes

Am nächsten Morgen steht der dritte Finger Gottes auf dem Programm. Über das Vallée des Fenils holen wir weit aus. Strampeln erneut über den Röstigraben auf den Mittelberg und die Hinderi Schneit. Im Norden zersägen die Felszacken der Gastlosen-Bergkette den Horizont. Über den Planihubel und den Hugeligrat erobern wir das Rellerli, einen 360° Panorama-Gipfel. Die wuchtigen Felswände der Gummfluh und des „Le Rübli“, auf Deutsch des Rüblihorns, wachsen gleich neben uns aus den sattgrünen Matten. Südwärts ragen – in einiger Entfernung zwar, aber dennoch gewaltig – die im Gegenlicht als Scherenschnitt übereinandergestapelten Viertausender der Berner Alpen, des Wallis und sogar des Mont Blanc in den Himmel. Wahrlich, Gott muss Biker sein. Seine Hand hat ganze Arbeit geleistet und himmlische Gefilde für uns erschaffen.

TEXT & FOTOS: Norbert Eisele-Hein

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