Test: 22 Touren-Reifen auf dem Prüfstand - Radtourenmagazin

Test: 22 Touren-Reifen auf dem Prüfstand

Die Auswahl schicker Schlappen ist inzwischen riesig. Wir haben 22 Touren-Reifen nach Einsatz sortiert und im Labor-Test in die Mangel genommen.

Text & Foto: Ingo Effing

 

Die knallharte Rennpelle meldet jedes Schotterkörnchen auf der Straße und klebt wie auf Schienen am Asphalt, während sich der breite Pannenschutzpneu sorglos und komfortabel wie ein Luftkissen über den Waldweg wälzt. Die rotierenden Gummis sind die einzige Verbindung zum Untergrund und prägen das Fahrgefühl so maßgeblich wie kein anderes Teil am Fahrrad. Reifen besitzen enormes Tuning-Potential und können auch dem langweiligsten Stadtrad neues Leben einhauchen. Mit der Reifenwahl muss also nicht zwangsläufig gewartet werden bis sich der alte Mantel von der Felge schält. Aber welcher Reifen ist der richtige?

Orientierungshilfe

Damit man nicht vom breiten und stetig wachsenden Angebot an Pneus überrollt wird, sollte man sich zuerst über den Einsatz im Klaren sein und seine Prioritäten abstecken. Denn den Alleskönner gibt es nicht. Der griffige Straßenreifen aus weichem Gummi bietet zwar verlässlichen Halt, um das Fahrrad mit Tempo tief in die Kurve zu legen, der Verschleiß ist aber höher als bei einer härteren und damit haltbareren Gummimischung. Bei einem Stollenprofil für sehr gutes Geländeverhalten muss man Abstriche im Kurvenhalt auf der Straße hinnehmen. Mit dicker Pannenschutz-Einlage rollt es sich zwar entspannt durch den Alltag, ein Satz Sorglosreifen bringen aber locker ein Kilo mehr auf die Waage als leichte Modelle. Am Touren-Pedelec mag das weniger stören als an einem Trekkingrad, das aus den Beinen beschleunigt wird, ein sportlich-wendiges Fahrgefühl kann man von einem Kilo-Reifen aber weder hier noch dort erwarten.

Der physikalische Effekt, der hier zum Tragen kommt, ist das Trägheitsmoment: Je höher die rotierende Masse des Reifens, desto träger verhält sich das Rad. Das muss nicht immer schlecht sein! Einmal in Bewegung, halten schwere Reifen besser Geschwindigkeit und Spur und beruhigen den Lauf. Beschleunigen, Abbremsen und auch das Lenken wird mit zunehmender Masse am Laufrad aber erschwert.

Der Einsatz entscheidet

Es hängt also sehr vom Einsatz und den persönlichen Vorlieben ab, welcher Reifen der richtige ist. Daher haben wir diesmal auf abschließende Testnoten verzichtet. In unserem Testfeld haben sich 22 Touren-Reifen für unterschiedliche Einsätze eingefunden. Zur Orientierung bei der Reifenwahl haben wir drei Test-Kategorien mit unterschiedlichen Anforderungen gebildet. Sind die Prioritäten geklärt, kann man hier schnell den persönlichen Testsieger ausfindig machen.

Sportiv Sport-Tourer mit leichtem Lauf, schneller Beschleunigung und sehr guter Haftung auf Asphalt

Allrounder City-Touring-Reifen für den Alltag und gemäßigte Touren auf wenig anspruchsvollem Terrain

All-Terrain Radreisereifen für unbefestigte und schlechte Wege; gefragt ist ein vielseitiges Profil, das in leichtem Gelände gute Haftung und Traktion bietet, aber auch leicht auf Asphalt rollt.

Die sportiven Reifen für schnelle Touren sind auf der Straße zuhause. Sie sollen mit leichtem Lauf, einer schnellen Beschleunigung und guter Haftung auf Asphalt überzeugen. In der Kategorie Allrounder waren Touren-Reifen gefragt, die den Alltag in der Stadt pannensicher überstehen, aber auch beim Abstecher auf dem Waldweg Halt geben. Die All-Terrain-Radreisereifen müssen leicht laufen und mit einem vielseitigen Profil auf schlechten Straßen ebenso Halt bieten wie auf unbefestigten Wegen.

E-Bike-Reifen?

Rund um die motorisierten Verkaufsschlager der Branche gibt es kaum Komponenten und Zubehör, das nicht auch als spezielle ­E-Bike-Variante angeboten wird. Ob man fürs Pedelec tatsächlich spezielle Reiniger, Sattel oder Pedale braucht, darf hinterfragt werden. Bei Reifen sieht die Sache etwas anders aus. Für Pedelecs mit Unterstützung bis 25 km/h ist vom Gesetzgeber keine besondere Bereifung vorgeschrieben. Grundsätzlich kann alles aufgezogen werden. Da die Reifen aber durch Mehrgewicht und höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten stärker beansprucht werden, kennzeichnen die Hersteller besonders geeignete Modelle mit Symbolen wie „E-25“ oder „E-Bike Ready“.

Anders bei den schnellen S-Pedelecs. Hier müssen die Reifen für hohe Geschwindigkeiten bis 50 km/h freigegeben sein. Zu erkennen an dem europäischen ECE 75R Prüfzeichen oder an einem „E50“-Symbol.

Druck und Komfort

Luft hat ausgezeichnete Dämpfungseigenschaften. Nicht umsonst setzen die besten Feder­gabeln auf das unsichtbare Gasgemisch als Federelement. Auch im Reifen kann ein niedriger Luftdruck den Fahrkomfort enorm erhöhen – vorausgesetzt die Reifenbreite lässt einen geringen Druck von 2 Bar und weniger zu. Fährt man einen schmalen 37-Millimeter-Reifen mit geringem Druck, schlägt die Felge schnell durch und stanzt Löcher in den Schlauch. Bei breiten, voluminösen Reifen ist der Abstand der Felge zum Reifen und somit auch zur Straße größer, ein Durchschlagen damit unwahrscheinlicher. Auf weichen Ballonreifen gleitet man nahezu unbehelligt über das Altstadt-Pflaster, während Fahrer harter Reifen im Sattel zittern. Der Reifen springt nicht, sondern legt sich eher über Hindernisse, besonders im Gelände führt das zu mehr Traktion.

Breiter rollt leichter

Entgegen der weit verbreiteten Annahme, rollt ein breiter Reifen bei gleichem Druck mit weniger Widerstand und damit schneller als ein schmaler. Der Grund dafür liegt in der Form der Aufstandsfläche, die entsteht, wenn der Reifen unter dem Gewicht von Fahrer und Fahrrad etwas einsinken. Beim breiten Reifen fällt diese oval und kürzer aus als bei schmalen Reifen. Um diese Fläche herum entsteht am Reifen eine Wulst, die beim Abrollen fortlaufend durchgewalkt wird. Bei kurzer, ovaler Aufstandsfläche kann der Widerstand, den diese Wulst verursacht, leichter überwunden werden. Der Rollwiderstand ist somit geringer. In der Praxis werden breite Reifen zugunsten des Komforts meist mit weniger Druck gefahren und nähern sich daher dem höheren Rollwiderstand schmaler Reifen etwas an. Im Testfeld setzten sich zwei 40 Millimeter breite Gravel-Reifen mit leichtem Stollenprofil aus der Kategorie All-Terrain an die Spitze im Rollwiderstands-Test.

Die im Test gemessenen Rollwiderstände sind auf einer Trommel erhobene Labormesswerte und können nicht ohne Weiteres mit Realwerten auf der Straße gleichgesetzt werden. Sie verdeutlichen aber die Unterschiede zwischen den Modellen. Den schnellen Conti Terra Speed (14,2 Watt) und den schweren Pannschutzreifen Protek Cross Max (26,1 Watt) von Michelin trennen fast 12 Watt. Pro Reifen wohlgemerkt, das heißt in der Praxis am Fahrrad auf der Straße doppelt sich die Differenz. Angenommen der Unterschied beträgt in Summe 20 Watt, fühlt es sich in etwa so an, als würde man von einer asphaltierten Straße auf einen weichen Wirtschaftsweg abbiegen. Auf einer Steigung zwischen fünf und zehn Prozent entsprechen fünf Watt grob über den Daumen gepeilt einem Kilo mehr Körpergewicht.

Ihr Einsatz, bitte!

Aber was nützt der schnellste Reifen, wenn er ständig schlapp macht. Der Conti Terra Speed ist ein hervorragender Gravel-Reifen und wird auch Bikepacking-Touren unbeschadet überstehen, zur klassischen Radreise mit schwerem Gepäck mangelt es dem leichten Pneu aber an Pannenschutz. Es kommt also sehr auf den Einsatz an, ob ein Reifen geeignet ist oder eher nicht. In der Königsdisziplin, der Radreise-Kategorie All-Terrain, fährt der neue Schwalbe Marathon Almotion mit einer guten Balance zwischen Leichtlauf, Gewicht und Pannenschutz unsere Empfehlung ein.

Die Test-Ergebnisse der 22 getesteten Reifen lesen Sie in RADtouren 4/2020.

Getestet haben wir: 

In der Kategorie „Sportiv“:

  • Bontrager H1 Hard-Case Ultimate 700C
  • Continental Contact Urban
  • Continental GP Urban ink
  • Continental Urban Taraxagum
  • Maxxis Re-Fuse
  • Schwalbe Marathon Racer
  • Vittoria Randonneur Tech

In der Kategorie „Allround“:

  • Continental Contact Plus
  • Continental Top Contact II
  • Maxxis Overdrive Excel
  • Michelin Protek
  • Michelin Protek Cross Max
  • Schwalbe Marathon GT Tour
  • Vittoria Adventure Tech
  • Vittoria Revolution Tech
  • XLC Street TwinSkin VT-C09

In der Kategorie „All-Terrain“:

  • Bontrager H5 Hard-Case Ultimate Reflective Hybrid Tire
  • Continental Terra Speed Cream
  • Maxxis Rambler
  • Michelin Power Gravel
  • Schwalbe Marathon Almotion
  • Vittoria Trail Tach

17. August 2020

Katharina Garus

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