Tasting Travels Radreise – von Kirgisistan nach China

Tasting Travels Radreise – Von Kirgisistan nach China

Unsere Route mit dem Rad durch Kirgisistan

Tasting Travels Radreise – von Kirgisistan nach China

Im usbekischen Taschkent läuft uns die Visumszeit davon. Ich habe die großartige Idee, ein Teeset zu kaufen und heimzuschicken, unterschätze aber den Aufwand dieses Unternehmens. Drei Tage nimmt das Projekt Teeset in Anspruch, unter Anderem brauche ich eine offizielle Erlaubnis des Kulturministeriums. Mal wieder müssen wir zur Grenze hetzen.

Es ist Baumwollerntezeit und das halbe Land wird zum Pflücken abgeordnet. Studenten, Schüler und Lehrer verbringen ihre gesamten Ferien auf den Feldern. Um die Menschenmassen zu den Baumwollplantagen zu karren, werden die meisten Busse des Landes beansprucht. Der öffentliche Verkehr besteht in dieser Zeit aus ein paar Minibussen und Sammeltaxen. Nach langen Diskussionen und Verhandlungen ergattern wir zwei Sitzplätze und den Kofferraum eines Sammeltaxis nach Namangan, in der Nähe der Grenze.

Die holprige Fahrt zieht sich hin. Am späten Abend werden wir alle müde. Unser Sitznachbar schnarcht, ich kuschel mich an Robertos Schulter, der Kopf des Beifahrers sinkt auf seine Brust. Roberto ist als einziger wach. Moment mal – und der Fahrer? Der zieht sein immer langsamer werdendes Auto mit halb geöffneten Augen weiter in die Mitte der Fahrspur. Roberto tippt ihm auf die Schulter. Mit einem Mal sind wir alle wach, unterhalten unseren Fahrer, bieten ihm Äpfel und Cola an und reißen alle Fenster auf.

Roberto radelt in Richtung Berge
Ab in die Berge

Wir sind heilfroh, als wir alle kurz vor Mitternacht an einem Stück in Namangan ankommen. Sechs Stunden waren angepeilt, fast zehn Stunden hat die Fahrt gedauert. Von Namangan führt eine holprige Straße bis nach Uchkurgan zur Grenze. Die Formalitäten sind schnell erledigt und wir radeln unsere ersten Kilometer auf ungewohnt gutem Straßenbelag. Bloß nicht daran gewöhnen, sage ich mir, das wird sich bestimmt schnell ändern.

Der Naryn gleicht eher einem See.

Wir folgen ein paar Tage lang dem Verlauf des kristallklaren Naryn Flusses. Die meisten Nächte verbringen wir in den Gärten oder gar Häusern der Bauern auf dem Weg. Die Kinder wollen mit den Rädern spielen, die Männer wollen mit Roberto Wodka trinken, die Frauen wollen wissen, warum wir selbst noch keine Kinder haben. Wir werden bis zum Platzen gemästet, alle wollen uns etwas Gutes tun. Dass wir nicht die gleiche Sprache sprechen ist für uns alle nebensächlich. Als Dankeschön portraitiert Roberto die Familien und verspricht, ihnen aus Bischkek die Fotos zuzusenden.

Auf dem Weg in den Norden

Die Landschaft beeindruckt uns, besonders der spiegelglatte Fluss hat es mir angetan. Alle paar Stunden kommt uns ein Reiter mit roter Fahne in der Hand entgegen. Ihm folgt gewöhnlich eine Herde von 10 bis 200 Schafen, Pferden oder Kühen. Am Ende der Kolonne reiten ein paar weitere Hirten und stets ein Kind auf einem Esel. Dörfer gibt es nicht viele und wir sind dankbar für jeden kleinen Laden und jedes Restaurant. Nach einigen Tagen voller Hügel und Höhenmeter erreichen wir den Toktogul Stausee, um den wir zur Hälfte herumfahren.

Was hätte ich nicht für ein großes Kanu gegeben. Stattdessen umradeln wir den halben Toktogul Stausee

Wir verabschieden uns vom liebgewonnenen Naryn und brechen auf in die Berge. Von nun an werden Bergabfahrten seltener. Am zweiten Tag nieselt es. Die letzten Regentropfen erlebten wir im Juli bei unserer Ankunft in Teheran. Dementsprechend überrascht uns das Wetter. Zum Glück finden wir eine Bleibe in einem kleinen Hotel, das eher einer Skihütte gleicht. Wir stürmen die heiße Dusche, waschen Wäsche und genießen die vier schützenden Wände um uns herum.

Und plötzlich fühlt man sich so klein und unbedeutend.

Der Passtag steht bevor. Bergsteiger planen ihren Gipfeltag, wir sind schon froh, den Pass zu erreichen. 25 Kilometer sollen es bis zur Anhöhe sein. Wir treten in die Pedale. Die Vegetation wird spärlicher und die schneebedeckten Nordhänge kommen immer näher. Wir quälen uns bergauf. Die Höhe macht mir zu schaffen. Doch bald ist es so weit – 25 Kilometer sind geschafft – gleich hinter der Kurve liegt das Erlösende Schild: Alabel Pass, 3175 Meter. Denkste. Kaum liegt die Kurve hinter uns müssen wir unsere Hälse nach oben recken. Da sollen wir ganz rauf fahren? Das war wohl noch nichts mit der Erlösung. Aber weit kann es nicht mehr sein.

Da war ich noch unwissend und frohen Mutes. Gleich da hinten müsste der Pass sein. Denkste!

Die Schneegrenze liegt mittlerweile hinter uns und trotz der Anstrengung krame ich meine Jacke heraus. Immerhin ist es heute trocken. Die dünne Höhenluft macht uns nun beiden zu schaffen. Wir halten auf der steilen Auffahrt kaum einen Kilometer ohne Pause aus. Der Schnee liegt nun etwa 15 Zentimeter tief neben uns. Über Nacht war der Pass gesperrt, aber am Morgen sind die Räumfahrzeuge durchgefahren. Die letzten 8 Kilometer geht es durchgehend 12% bergauf. Dann haben wir es geschafft. Statt der angegebenen 25 Kilometer mussten wir 38 Kilometer lang strampeln. Für einen Autofahrer ein Unterschied von ein paar Minuten. Für uns ein Desaster, denn durch die längere Fahrzeit steht die Sonne schon bedrohlich tief. Ich bin völlig k.o., Roberto geht es kaum besser. Aber wir sind stolz. Am ganzen Körper zitternd sucht Roberto nach ein paar Wollsocken, um die fehlenden Handschuhe zu ersetzen. Improvisation ist alles.

Geschafft!

Ich freue mich auf die wohl verdiente Abfahrt. Sitzen, rollen, ab und zu bremsen, die Landschaft genießen. Wir rollen etwa vier Kilometer, dann rächen sich die löchrigen Trekkingschuhe, windigen Wollsocken und die klitschnass geschwitzte Jacke. Die Sonne ist mittlerweile schon hinter den Bergspitzen verschwunden und Hände und Füße sind stocksteif. Ich weigere mich, auch nur einen Meter weiter zu fahren. Es geht einfach nicht. Roberto schaltet in den Notfallmodus und scheint plötzlich vier Hände und Beine zu haben. In windeseile sitze ich in einen Schlafsack gewickelt am Straßenrand, stecke meine eisigen Finger in die Achselhöhlen und schon hat Roberto einen LKW angehalten. Die tadschikischen Fahrer haben zwar Platz für zwei Mitfahrer aber nur für ein Rad. Schon hält ein weiterer LKW an. Wir verstauen je ein Rad und die Hälfte des Gepäcks in jedem LKW, steigen jeweils in einen ein und bummeln hintereinander her. Die beiden Fahrer drehen die Heizung voll auf und bald trocknen meine Füße und die Hände werden wieder beweglich. Wir hören georgische Popmusik und versuchen, uns auf Türkisch, Russisch und Englisch zu unterhalten. Roberto zeigt seinen Fahrern Fotos von Deutschland, Mexiko und unseren Familien und wir beide unterhalten uns über das Funkgerät miteinander.

Immer Transporte Inge Greindl hinterher, denn da drin sitzt Roberto. Ab über den 3500 Meter Pass.

Eigentlich wollten wir nur bis zur nächsten Schlafgelegenheit mitfahren, doch es will sich partout keine solche finden. Es dauert nicht lange, da finden wir uns auf der Auffahrt zum nächsten Pass wieder. 3500 Meter geht es diesmal hoch. Nach einem kurzen Funkgespräch mit dem anderen LKW bleiben wir stehen. Der Pass ist gesperrt, wir müssen bis zum Morgen warten. Zum Zelten ist es zu kalt. Unsere Winterausrüstung steht zwischen billig und von schlechter Qualität (Schlafsäcke), kaputt (Winterschuhe) und nicht existent (Handschuhe und Winterjacke). Unsere Fahrer laden uns ein, die Nacht im Führerhaus zu verbringen. Wir teilen das Essen miteinander, einer der Fahrer gibt eine Runde Wodka aus und aus dem Nichts zaubert ein anderer Fahrer einen DVD-Spieler hervor und wir gucken Jurassic Park auf Tadschikisch.

Wir machen beide kein Auge zu, es ist einfach viel zu kalt im Führerhaus. Am nächsten Morgen teilen wir uns etwas Tee bevor wir zur Passhöhe hinaufkriechen. Durch den langen unbeleuchteten Tunnel ohne Belüftungsanlage hätten wir wirklich nicht radeln wollen. Der Schnee liegt nun noch etwas höher, es ist bitterkalt und wir sind heilfroh, als wir das erste Dorf erreichen. Hinter uns türmen sich die schneebedeckten Berge. Von unten ein idyllischer Anblick, mir flößen sie jedoch allerlei Respekt ein.

Wir sind nicht allein auf der Straße.

Als Roberto ein Foto vom Blick machen will, bemerkt er, dass seine Kamera, das zweite Objektiv und eine kleine Schachtel voller Speicherkarten, USB-Sticks und Kabeln fehlt. Die Kameratasche selbst, in der auch die Pässe und Bankkarten stecken, ist allerdings noch da. Roberto lässt seine Kamera nie unbeaufsichtigt, nur beim Einladen der Räder hat er sie kurz stehen gelassen, um mir den Schlafsack zu bringen. Am traurigsten sind wir über die verlorenen Fotos der Familien. Wir wissen nicht, wer sich an seinem Schatz vergriffen hat und wir werden es auch nie wissen, aber die Stimmung ist geknickt. Wir sind beide leicht reizbar und lassen unseren Ärger aneinander aus.

Nach Bischkek ist es nicht mehr weit und am folgenden Morgen erreichen wir die kleine Hauptstadt. Hier haben wir viel zu tun. Nachdem wir eine Bleibe gefunden haben, in der wir in einer unbeheizten Jurte übernachten, starten wir unsere Besorgungen. Ein chinesisches Visum für Roberto muss her, das kirgisische Visum muss verlängert werden, außerdem brauchen wir dringend neue Schlafsäcke, Winterjacken und Winterschuhe. Beide Laptops sind kaputt und müssen repariert werden, aber das größte Loch in die Reisekasse reißt wohl die neue Kamera. Nebenher stecken wir in einem Relaunch des Blogs, flicken kaputte Hosen, reparieren meine Gangschaltung und pumpen uns gegen die abendliche Kälte mit Tee voll.

Ein frisch gezapftes Steinbräu Bier heitert uns auf. Das haben wir uns auch verdient.

Um Roberto etwas aufzuheitern, koche ich uns am ersten Abend ein Mahl für Könige: Blumenhohl und Hähnchenkeulen gibt es. Dazu Schokoladenpudding als Nachtisch. Doch seine Sorgen bleiben und schlagen ihm schlussendlich auf den Magen. In Bischkek hat noch nie zuvor ein Mexikaner ein chinesisches Visum beantragt. Entsprechend genau werden Robertos Unterlagen geprüft. Wir können nur hoffen und bangen. Als Robertos Magenprobleme endlich besser werden, finden wir mit dem britischen Dan einen großartigen Couchsurfing Gastgeber. Von da an scheint sich alles zum Guten zu wenden.

Miss Liu von der Visaagentur und unser Gastgeber Dan nehmen uns mit in ein traditionelles Restaurant in einer Jurte.

Nach fast zwei langen Wochen hält Roberto endlich das chinesische Visum in der Hand. Normal wären vier Arbeitstage. Mein Laptop ist reparabel, die polnische Schlafsackfirma Cumulus will uns zwei winterfeste Schlafsäcke sponsern und Robertos Wunschkamera ist ein wenig günstiger als in Deutschland oder Mexiko.

Bischkek ist die internationalste zentralasiatische Stadt auf unserer Reise.

Wir sind fast schon startklar, da vergreift sich jemand an meiner Kreditkarte. Die Bank bemerkt den Betrugsversuch und sperrt meine Karte. Ich stehe mit umgerechnet 2 € da, gehe panisch alle meine Möglichkeiten durch. Was für ein schlechtes Timing, hatten wir doch den großen Winterequipmetkauf, für den wir wochenlang alle Läden der Stadt abgelaufen sind, am folgenden Tag tätigen wollen. Zum Glück leitet die Bank alles Menschenmögliche in die Wege, um mich schnell wieder flüssig zu kriegen.

Wir verbringen die Wartezeit mit kleinen Ausflügen. Hier im Ala-Archa Nationalpark südlich von Bischkek.

Dann gleich am Morgen gibt es den nächsten Schock. Die chinesische Grenze schließt für fünf Tage. Der letzte dieser fünf Tage ist der letzte Tag meines China-Visums. Verlängern kann man die Einreisezeit nicht, ich muss ebenfalls ein neues Visum beantragen. Wir finden uns mit unserer neuen Situation ab und nehmen Dan für kurze Ausflüge in die Berge mit. Bald ist es dann soweit: China naht. Wir würden gerne noch etwas mehr von Kirgistan kennen lernen, aber können es gleichzeitig kaum erwarten in dieses riesige und so vielfältige Land einzureisen.

Text / Fotos: Annika Wachter. Unterwegs mit dem Rad um die Welt.

02. November 2012

A. Wachter

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