RADgeber für ein besseres Miteinander aller - Radtourenmagazin

RADgeber für ein besseres Miteinander aller

Zwischen Fahrrad- und Autofahrern gibt es die meisten Reibungspunkte. Doch für ein besseres Miteinander müssen alle an einem Strang ziehen. #114415399

Verkehrsteilnehmer
Die öffentlichen Verkehrswege ähneln oft genug einem Kriegsgebiet. Nein, nicht wegen bombentrichterartigen Schlaglöchern, sondern der verhärteten Standpunkten vieler Verkehrsteilnehmer: Autofahrer gegen Motorradfahrer, diese wiederum gegen Trucker und alle auf die Radfahrer. Vielleicht ist es an der Zeit, dass die zweiradfahrende Masse die Rolle des Vernünftigen einnimmt. Der folgende Artikel möchte dabei helfen. Er will Radfahrern nicht nur Argumentations-Munition geben, sondern auch den einen oder anderen Gedankengang initiieren, der dabei hilft, Streitpunkte zu entschärfen – wir alle sind schließlich Verkehrsteilnehmer.

  1. Sich nicht verhärten lassen

Man muss nicht zur Rush-Hour radeln, um mehr Fälle von verkehrswidrigem Verhalten zu erleben, als man mit beiden Händen zählen könnte. Da wird der vorgeschriebene Sicherheitsabstand von denen, die einen Radfahrer überholen, nicht nur oft genug relativ frei ausgelegt, sondern so stark unterschritten, dass man schon von Glück reden kann, wenn man nicht touchiert wird.

Ja, wenn einem das täglich x-mal passiert, wird man irgendwann hart in seinem Denken. Man tendiert dazu, alle anderen Verkehrsteilnehmer, insbesondere Autofahrer, mit einem grundsätzlich feindlichen Unterton zu betrachten.

Trotzdem eine Bitte: kämpfen Sie dagegen an. Ja, es sind so viele Situationen. Aber dadurch, dass man alle Autofahrer als potenziell rücksichtslos oder gefährlich für Fahrradfahrer ansieht, wird die Lage nicht besser. Sie bekommt nur einen vergifteten Touch. Nicht jeder Autofahrer hält sich für den König der Straße. Im Gegenteil, ein Großteil sämtlicher Situationen „Auto vs. Fahrrad“ lässt sich auf menschliche Unaufmerksamkeit zurückführen. Und vielleicht ist der, der einen gerade mit so wenig Sicherheitsabstand überholt hat, selbst dazu gezwungen, weil der entgegenkommende Verkehr so dicht war.

Verkehr ist für alle Stress und Hektik und es bringt nichts, eine Gruppe von Verkehrsteilnehmern zu pauschalisieren, selbst dann nicht, wenn es noch sooft passiert. Selbst wenn man auf einer Strecke gleich dreimal bedrängt wurde, ignoriert man damit alle, die sich fahrradfreundlich verhalten haben.

Nur wer Radfahrer selbst immer alle Regeln einhält, kann reinen Gewissenskritlsieren. Hier etwa fehlen die Speichenreflektoren. #193460466
  1. Das Vorbild sein

Man selbst ist vielleicht auf seinem Bergamont Vitess Ltd. Unterwegs und hat alles montiert, was der Gesetzgeber fordert. Trotzdem dürften wohl schon viele Radfahrer die Situation erlebt haben: Man wird überholt und aus dem Beifahrerfenster pöbelt es „Mach mal´s Licht an“…

Klar ist es nicht die feine englische Art, aus einem fahrenden Auto heraus zu belehren. Aber sind wir wirklich immer so perfektionistisch, wie wir es selbst gerne bei anderen Verkehrsteilnehmern sehen würden, um uns zurecht über dieses Verhalten zu echauffieren? Beachten wir alle Regeln, die auch für uns Zweiradpiloten gelten? Fahren wir wirklich nur dann auf dem rechten Seitenstreifen, wenn kein Radweg vorhanden ist oder nur, weil der Radweg nicht komfortabel genug ist? (Einmal außen vor, dass innerstädtische Radwege häufig genug als Parkplatz missbraucht werden).

Was das ausdrücken soll: Jeder Radfahrer, der ohne Reflektoren oder gar Licht fährt, der an der roten Ampel einfach auf den Fußgängerweg ausweicht, der all die möglichen Dinge tut, zu denen das hochmobile Fahrrad zwar einlädt, die aber rechtlich nicht einwandfrei sind, der öffnet Kritik Tür und Tor.

Insofern, ja, jeder Radfahrer sollte im Verkehr Perfektionist sein. Denn nur das nimmt allen, die die Straße für sich alleine haben wollen, die Munition, um Radfahrer als Gesamtheit zu kritisieren.

  1. Aus dem Ring gehen

Es passiert im Pausenraum, auf der Familienfeier, in der Kommentarfunktion unter einem Nachrichtenartikel: Menschen, die mit etwas anderem als Fahrrädern unterwegs sind, fangen an, über Zweiradpiloten zu diskutieren. Für nicht eben wenige Radfahrer wirkt das wie der Gong auf einen Boxer: Sie steigen in den „Ring“, um die Diskussion wortgewaltig auszufechten.

Das sollte man schon aus rationalen Gründen lassen: Die wenigsten Menschen sind in der Lage, ihre Meinung grundlegend zu revidieren. Aus dem Radfahrer-hassenden Autofahrer wird kein Velo-Freund, nur weil man sich mit ihm disputiert – selbst wenn man es schafft und sich nicht auf ein ähnlich niedriges Diskussionsniveau herablässt.

Umgekehrt ist es jedoch nur menschlich, bei einem sehr übertrieben argumentierenden Gegenüber („ALLE Radfahrer…“) irgendwann auch zu Verallgemeinerungen zu tendieren. Das Ergebnis: Ein sinnloser Streit, der bei keinem irgendetwas auslösen wird, außer seine Ressentiments zu festigen.

Das soll nicht bedeuten, dass man seine Radfahrer-Meinung für sich behalten sollte. Aber es soll durchaus der gute Rat sein, sich fruchtlose Diskussionen zu sparen und einfach den Boxring zu verlassen.

Egal, auf welche andere Art man sich auch fortbewegt, man sollte immer seinen „inneren Radler“ im Hinterkopf behalten und nicht mutieren. # 157079337
  1. Nicht mutieren

Die wenigsten Autofahrer sind „Immer-nur-Autofahrer“, sondern auf oft genug zu Fuß unterwegs. Gleiches gilt für die zweiradfahrende Spezies, die selbst manchmal auf vier Rädern oder zwei Beinen unterwegs ist.

Doch ganz gleich was die primäre Fortbewegungsform auch ist, verblüffend viele Menschen neigen beim Wechsel dazu, regelrecht geistig zu mutieren. Der Autofahrer, der sich vor zwei Minuten noch als Fußgänger über Verkehrsrowdys aufregte, schimpft, sobald er hinterm Steuer sitzt, über Fußgänger. Das Gleiche passiert so manchem Radfahrer, der sich als Autofahrer selbst nicht so verhält, wie er es sich von der Vierradfraktion wünscht, wenn er in die Pedale tritt.

Zu eruieren, warum das so ist, wäre ein ausgezeichnetes Betätigungsfeld für Psychologen. Für den Alltag dürfte jedoch Folgendes sinnvoller sein: Egal, wie man sich fortbewegt, man sollte nie vergessen, was man, wenn man auf dem Rad sitzt, just an diese anderen Fortbewegungsarten und ihre Ausübenden für Wünsche, Ansprüche und Kritiken stellt. Das benötigt keine geistigen Spagate, sondern nur Nachdenken.

  1. Auf die Wortwahl achten

Viele Radfahrer haben ihre eigenen Bezeichnungen für andere Verkehrsteilnehmer. Motorradfahrer werden da zu „Organspendern“, Autofahrer zu „Blechdosenpiloten“ oder „Cagern“. Nicht ganz sinnfrei zwar, aber Sprache transportiert immer auch Ansichten. Was klingt beispielsweise abwertender: Fahrrad oder Drahtesel? Ganz genau so sieht es auch bei den erwähnten Bezeichnungen aus. Auch wenn sie noch so sehr passen, sollte man sie sich im Zuge einer diskriminierungsfreien Sprache verkneifen. Denn sie erzeugen im Kopf desjenigen, der sie verwendet, ein „Wir gegen die“-Gefühl. Und sofern die Gemeinten sie mitbekommen, auch negative Gefühle – wer lässt sich schon gerne als Blechdosenpilot bezeichnen, selbst wenn es nicht böse gemeint war? Man selbst mag es vielleicht gar nicht negativ meinen, mag einen bestimmten Begriff nur als Zugehörigkeitsbeweis zu (s)einer Gruppe interpretieren. Doch auch das ist ein Baustein des großen Ganzen.

Fehlverhalten zu kritisieren ist leicht. Ein freundliches Lob für korrektes Verhalten bleibt jedoch länger haften und wirkt ungleich erzieherischer. # 162632231
  1. Loben und ermahnen

Gerade wurde man von einem Autofahrer ziemlich gefährlich überholt. Zwei Minuten später steht man an der Ampel neben ihm. Selbst den harmlosesten Radfahrer dürfte es da in den Fingern jucken, mal kurz ans Seitenfenster zu klopfen und demjenigen die Meinung zu sagen. Doch warum immer nur wenn man etwas kritisieren will? Wieso nicht mal dem Autofahrer ans Fenster klopfen, der einen völlig korrekt überholt hat? Positive Emotionen bleiben meist länger im Gedächtnis haften als negative. Ein freundliches „Ich wollte mich nur dafür bedanken, dass sie eben beim Überholen einen so vorbildlichen Sicherheitsabstand eingehalten haben“ wird dem Autofahrer künftig bei jedem Radfahrer, bei dem er zum Überholen ansetzt, ins Gedächtnis schießen. Eine Ermahnung, selbst wenn sie noch so berechtigt war, viel weniger.

Doch Lob gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern ist nur eine Seite der Medaille. Dazu sollte es auch gehören, unter den Radfahrern diejenigen, die es mit den Regeln nicht so genau nehmen, nicht nur achselzuckend abzutun. Jemand, der ohne Beleuchtung kreuz und quer zwischen Straße und Gehweg wechselt, wird sich um Kritik von Autofahrern und Fußgängern nicht viel scheren. Sagt ihm aber jemand aus seiner Gruppe „Du fährst wie ein Henker. Wegen so Leuten wie dir werden alle Radfahrer über einen Kamm geschoren“ hat das mitunter den deutlich besseren erzieherischen Effekt.

 

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26. September 2018

andreas

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