Leserreportage: Von Küste zu Küste - Radtourenmagazin

Leserreportage: Von Küste zu Küste

Jutta und Rolf Ketterer sind Wiederholungstäter. Diesmal waren die Schwarzwälder an der Küste unterwegs, radelten von der Nordsee an die Ostsee ,  von Emden nach Lübeck. Zwei Küsten, Ebbe, Flut, Strände und ein geschichtsträchtiger Kanal der Superlative.

Text und Fotos: Rolf Ketterer

 

Irgendwo zwischen Brunsbüttel und Kiel. Wir radeln einen schnurgeraden Fluss entlang, beidseitig mit Laubwald gesäumt, kein Wellengang, ländliche Umgebung. Unspektakulär, allenfalls mal ein Ausflugsboot würden wir erwarten. Da taucht am Horizont langsam ein hochhausartiges Gebilde auf und entpuppt sich, je näher man sich kommt, als veritabler mit Containern vollbeladener Hochseekahn. Für an titisee-taugliche Binnenschiffe gewöhnte Schwarzwälder wie uns wahrlich ein Kontrastprogramm. Genau das haben wir gesucht, Kontraste, hier im Norden auf dem Nord-Ostsee-Kanal-Radweg und an den Küsten beiderseits der Kanalenden.

Gestartet eine Woche zuvor am südwestlichen Ende der Republik, hat uns die Deutsche Bahn direkt von Villingen im Schwarzwald nach Emden befördert. Von dort geht’s auf der internationalen Dollard-Route vorbei am Sperrwerk Knock durch die Region Krummhörn direkt auf die Nordseeküste zu und von dort aus immer am Deich entlang ins Bilderbuchdorf Greetsiel. Der rot-gelb gestreifte Pilsumer Leuchtturm unterwegs kommt uns bekannt vor und dürfte vor allem Otto-Waalkes Fans ein Begriff sein. Immer mal wieder die Deichseite wechselnd, erreichen wir auf dem Nordseeküstenradweg über Norddeich, Esens und Jever Wilhelmshaven.    

Eine kurze Fährpassage bei herrlichem Wetter und wir sind auf der Halbinsel Butjadingen. Windgeschützt hinter dem Deich erreichen wir Blexen, rauf auf die Fähre und rüber geht´s nach Bremerhaven, früher Ausgangspunkt vieler Auswanderer nach Amerika. Hafenwelten, das Klimahaus mit seiner interessanten Architektur – die Stadt hätte noch so viel zu bieten, aber für uns geht es weiter Richtung Nord-Ost. Entlang der Nordseeküste führt der Radweg jetzt vorbei am futuristisch anmutenden Hochseehafen, an Windparks, weiter über flaches Land bis nach Cuxhaven an die Elbmündung, unserem Tagesziel.

Tags darauf, nach einer halbstündigen Fährfahrt über die Elbe, erreichen wir frühmorgens Brunsbüttel, Hafenstadt an der Mündung des Nord-Ostseekanals (NOK) in die Nordsee. Ab jetzt ist Verfahren quasi unmöglich. Der Kanal, eine der meistbefahrenen, künstlichen Wasserstraßen der Welt, erspart Seeschiffen auf 100 Kilometern Länge den Umweg über die Nordküste Jütlands in die Nordsee.

Beidseitig des Kanals gäbe es jetzt unzählige Möglichkeiten, das Umland zu erkunden. Wir entscheiden uns für den direkten Weg und bleiben am Wasser. An vielen Stellen entlang des NOKs kann man auf kleinen Fähren die Kanalseite wechseln – kostenlos. Entfernt man sich mal von der Wasserlinie, kann es überraschend hügelig werden und man freut sich über die Schaltungsreserve.

Die Kanalfahrt erleben wir bei bedecktem Himmel und sporadischen Regenschauern, die kurz vor Kiel nochmal ordentlich an Intensität zulegen. Wir erreichen unser Tagesziel ziemlich abgeduscht. Insgesamt notieren wir auf der Tour zwei kürzere Regenphasen. Eine gute Quote, finden wir. Tags darauf ist alles Regen von gestern, das Wetter präsentiert sich von seiner besten Seite. Wir möchten die Kieler Förde nicht umfahren, sondern schippern auf einem Fördedampfer von der Kieler Bahnhofsbrücke ins Ostseebad Laboe.


Von Lesern für Leser

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Ab jetzt ist der Ostseeküsten-Radweg unser Wegweiser. Nicht nur das Radwege­logo, auch die Landschaft und die Topographie ändern sich augenscheinlich. Während die Nordseeküste einen eher herben Charme ausstrahlt, erscheint die Ostsee lieblicher, abwechslungsreicher, aber auch ein wenig touristischer. Immer der Küste entlang, wechseln sich bekannte Seebäder mit landschaftlichen Höhepunkten ab. In Heiligenhafen pausieren wir. Wir erkunden den Strand und das schöne Naturschutzgebiet Graswarder.

Weiter geht´s über Grömitz, Neustadt, Timmendorfer Strand. Die Steilküstenlandschaft vor Travemünde ist sehenswert. Überhaupt ist der Radweg an der Ostseeküste nicht durchgehend flach. Immer mal wieder geht’s auch durch hügeliges Gelände. Entgegen landläufiger Meinung haben wir oft Rückenwind. Es empfiehlt sich deshalb durchaus, die Strecke von West nach Ost unter die Räder zu nehmen.

Nach 12 Tagen und knapp 600 Kilometern haben wir unser Ziel leider schon erreicht: die Hansestadt Lübeck. Erst zwei Tage Stadtbesichtigung per Pedes und Ausflugsboot. Dann eine phantastische Vorstellung des Zirkus Roncalli am letzten Abend vor der Abreise – der perfekte Abschluss einer abwechslungsreichen Radreise, nahezu autofrei, durch vielseitige Landschaften und interessante Städte. Eine perfekte Infrastruktur längs der Strecke, zwei Küsten, Ebbe, Flut, Strände und ein geschichtsträchtiger Kanal der Superlative.

Unser Fazit

Die Beschilderung unterwegs ist vorbildlich, der Streckenbelag durchweg gut. Entlang des NOKs ist der Radweg teilweise mit Platten belegt, aber mit einem Trekkingrad ist das Befahren kein Problem. Ein Navi ist, sofern man sich an die Ausschilderung hält, allenfalls in den Städten bei der Unterkunftssuche notwendig. Eine ideale Einstiegstour für Leute, die das Reisen auf dem Fahrrad mal ausprobieren möchten.

Jutta und Rolf Ketterer

04. September 2020

Katharina Garus

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