Fahrtest: Cinelli Zydeco Gravelbike

Fahrtest: Cinelli Zydeco Gravelbike

Als Gravel- oder Cyclocrossbike mit Scheibenbremse ist das Cinelli Zydeco ein Kandidat für schnelle Touren. Das Komplettrad mit Shimano Tiagra-Gruppe macht den Einstieg in das Reisen mit Rennlenker nicht zu teuer. Unser individuell aufgebautes Testrad musste mit Sram Rival 1x-11-Gruppe seine Qualitäten auch im Alltag und im Gelände beweisen.

Traditionalisten kennen die italienische Marke Cinelli von Lenkerbändern und Fahrraddesign-Ikonen. Das Zydeco ist das aktuelle Allround-Rennrad der Marke. Trendsetter würden es Gravelbike nennen. Traditionalisten würden sagen: Dank Disk-Bremsen und Ösen für Träger wie Schutzbleche eignet es sich für den täglichen Pendeleinsatz und für schnelle Touren oder sportliche Ausflüge ins Gelände. Vielseitig ist es also. Für ein Gravelbike sogar ungewöhnlich vielseitig ist die Rahmenauslegung. In Gabel und Rahmen konnten wir Reifen mit 40mm Breite nebst Schutzblechen noch gut platzieren. Soviel Platz bieten ähnliche Räder, etwa aus dem Cyclocrossbereich, selten.

Die Sram Rival-Griffe liegen gut in der Hand. Gleiches gilt für den Vai Lenker und das super griffige Cinelli Lenkerband. Foto: Gathmann
Die Sram Rival-Griffe liegen gut in der Hand. Gleiches gilt für den Vai Lenker und das super griffige Cinelli Lenkerband. Foto: Gathmann

Überhaupt macht die Rahmenbasis „bella figura“. Man sieht ihr die Herkunft am Design sofort an – ein Rad, das wir nie vor dem Bäcker abstellten, ohne Blicke oder sogar Gespräche anzuziehen. Die saubere Verarbeitung des metallisch schimmernden Lacks und der Wechsel mit den klarlackierten gebürsteten Alu-Oberflächen können als moderne Interpretation italienischer Rahmenfinesse durchgehen. Das Alumiunium-Rohr ist ein vergleichsweise robustes Columbus Zonal und stammt aus dem gleichen Haus wie das ganze Rad. Denn sowohl Cinelli als auch der Rahmenrohr-Spezialist Columbus sind im Besitz der Colombo-Familie. Mit rund 1,75 kg in Rahmenhöhe 56 lag unser Rahmen im üblichen bis oberen Gewichtsbereich für seine Preisklasse.

Fahrgefühl: unmittelbare Kontrolle

Beim Fahren macht sich der leichte Gewichtsaufschlag im Vergleich zu sportlicher orientierten Gravelbikes nicht bemerkbar. Der verwindungsarme Rahmen setzt Beinkraft direkt in Vortrieb um. Auch mit montiertem Gepäckträger und 15 Kilo Gepäck bleibt das Gefühl unmittelbarer Kontrolle erhalten, das den Fahreindruck bestimmt. Mit hoher Lenkpräzision steuert das Cinelli Zydeco selbst beladen durch schnelle Kurven, die Gabel und das unten im Querschnitt vergrößerte Steuerrohr („tapered“) tragen mit dazu bei. Wiegetritt, Lastwechsel – alles keine Herausforderungen. Auch der hervorragenden Verzögerung der Sram Rival Discbremsen mit 160mm-Rotor ist die Front gewachsen. Während des Tests trat kein Stottern auf, die Gabel verwindet sich nicht sichtbar.

Reifen mit geringem Druck fahren

Allerdings erkauft man sich das rigide Fahrverhalten mit nur mäßigem Komfort. Auch die mit 31,6 mm dicke Sattelstütze gibt Schläge vom Hinterrad ungefiltert weiter. Das Zydeco mit Tubeless-Reifen wie am Testrad zu fahren, ist deshalb ein Tipp. Den Reifendruck kann man für einen erheblichen Komfortgewinn stark absenken, ohne Pannen zu riskieren oder die Leichtlaufeigenschaften zu verschlechtern. Ansonsten ist die Ergonomie gut gelungen. Man sitzt nur gemäßigt sportlich, so dass auch lange Touren den Rücken nicht so stark belasten. Der Lenker aus dem Cinelli Vai Zubehör-Programm liegt gut in der Hand und zwingt den Fahrer selbst am Unterlenker nicht in eine stark gebeugte Haltung.

Soviel zu den Eigenschaften für den Touren- und Alltagseinsatz. Im Test haben wir das Cinelli Zydeco aber auch durchs Gelände gejagt: Mindestens 300 der insgesamt 700 Testkilometer führten über schlammige oder steinige Waldwege. Und dort fühlten wir uns mit dem Zydeco fast am besten aufgehoben. Es ist zwar nicht das quirligste und will bestimmt in die Kurve gelegt werden. Aber auch wenn es über Stock und Stein erzeugt die Fahrsicherheit des Rades hohes Vertrauen. Wenn es mal zu steil wird, erlaubt das unten abgeflachte Oberrohr leichtes Tragen auf den Schultern.

 

Gleiches gilt übrigens für die Sram Rival-Gruppe, die zum Dauertest an unserem Cinelli Zydeco montiert war. Den Hydraulikbremsen lassen sich mit für Rennradfahrer ungewohnt geringer Handkraft selbst bei widrigstem Wetter souveräne Bremsleistungen abrufen Der Druckpunkt – also der Moment, an dem die Bremskraft einsetzt – ist perfekt tastbar. Und die Hebel-Griffweite lässt sich auch für Laien leicht mit einem Inbus-Schlüssel einstellen. Mehr dazu im separaten Dauertest.

Komplimente für den Zydeco-Rahmen

Letzte Komplimente für den Zydeco-Rahmen: Der Hinterbau setzte sich nie mit Schlamm zu – keineswegs selbstverständlich. Ein schönes Detail ist das BSA-Gewinde für das Tretlager, das im Rennradbereich nicht mehr so häufig zu finden ist. Es erlaubt den Einbau einer Vielzahl von Kurbeln. Neben unserer Variante mit 1-fach-Kettenblatt vorne sind auch 2- oder 3-fach-Kurbeln für Reisen, bei denen ein großer Übersetzungsbereich gefragt ist, leicht einzubauen. Einziger echter Kritikpunkt aus unserer Sicht ist die Art der Schaltzugverlegung: Für einen reibungslosen Betrieb in Matsch, Staub und Regen sollte die Außenhülle geschlossen verlegbar sein. Das erlauben die Kabelanschläge jedoch nicht.

FAZIT

Das Cinelli Zydeco 2016 erwies sich im Dauertest als Hingucker, der mit Brot-und-Butter-Qualitäten überrascht. Aufgrund seiner Vielseitigkeit ist das Cinelli Zydeco nah an der eierlegenden Wollmilchsau mit Rennlenker: nicht zu schwer, lebendig, aber nicht quirlig, enorm Fahrsicher selbst mit Gepäck und binnen einer Stunde Schraubarbeit für Touren mit Schutzblech und Träger umzurüsten. In der Testausstattung mit Sram Rival 1-Gruppe reizt es auch zu Cyclocross-Ausflügen, bei denen die sehr gute Fahrsicherheit und die gelungene Geometrie ebenso gut zum Tragen kommen.

FÜR WEN?

Für alle, die gerne mit Rennlenker unterwegs sind und sich dabei so viele Optionen wie möglich offen halten wollen, auch mal mit dem Crossen liebäugeln, aber nicht zu viel dafür bezahlen möchten.

PLUS:

  • verwindungsarmer Rahmen
  • absolut sicheres Fahrverhalten
  • gemäßigt sportliche, tourentaugliche Sitzposition
  • große Durchläufe für Reifen bis 37 mm mit Schutzblechen.
  • einfaches Nachrüsten von Gepäckträger und Schutzblechen dank Ösen
  • vielseitiger BSA-Standard für Tretlager

MINUS

  • nicht besonders leicht
  • keine geschlossene Schaltaußenhülle-Verlegung möglich

 

TESTDAUER: 3 Monate

TESTMATERIAL: Rahmenset wurde vom Unternehmen für die Testdauer kostenlos gestellt.

 

DATEN

Cinelli Zydeco, ab 1.785 Euro: tourentaugliches Cyclocross-Rad. Rahmen: Clomubus Zonal 3-fach konifiziert; Gabel: Columbus Carbon/Alu; Gewicht: 1.750 g (Rahmen, Größe L), 570g (Gabel); Größen: Unisex 51, 53,5, 56, 59, 61 cm; Schaltung: Sram Rival 1, 1×11-Gang-Kettenschaltung, vorne: 42 Zähne, hinten 11-34 Zähne; Bremsen: Sram Rival hydraulische Scheibenbremse 160/160 mm; Innenlager: Sram GXP, BSA; Laufräder: Bulls Sabre mit Schwalbe G One Tubeless in 40-622; Licht: ohne; Lenker/Vorbau: Cinelli Vai; Sattel/Stütze: Cinelli/Cinelli. Besonderheiten: 2 Paar Flaschenhalter-Ösen, Ösen für Schutzblech- und Gepäckträgermontage.

21. Januar 2016

Jan Gathmann

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