AUTORENREISE

EuroVelo 9

Österreich in einer Woche durchqueren? Geht das? Klar: Auf der EuroVelo Route 9! Sie führt von den Hügeln des Weinviertels hinunter nach Wien und weiter in die Steiermark hinein. Dort erwarten uns für das Strampeln einige Belohnungen – die Wellnessfreuden des Thermenlandes!
Der Kontinent rückt zusammen; zumindest aus Radlersicht. Derzeit entstehen fast in allen Staaten neue Teilstücke, die unter dem Namen EuroVelo vereint sind. Ein Netz aus 14 Langstreckenradwegen wird in den kommenden Jahren die hintersten Winkel erschließen. Mehrere Abschnitte sind bereits fertig. Dazu zählt die EuroVelo 9, die vom tschechischen Brünn bis ins 568 km entfernte slowenische Maribor reicht. Die gesamte Strecke wird Danzig mit den Adriastränden in Italien verbinden. Bei Bernhardsthal trifft der Radweg auf österreichischen Boden. Wir sind im Weinviertel, dem größten Rebanbaugebiet des Landes. Hier reifen würzige Grüne Veltliner, frische Welschrieslinge und gehaltvolle Burgunder. Auch für Radler ist man gut aufgestellt, gibt es doch ein Wegnetz von rund 1.600 km. Viele der Ausfahrten steuern die romantischen Kellergassen an. Auf dem Weg gen Süden bleibt der ländliche Charakter der Etappe erhalten. Die EuroVelo 9 ist die Leitlinie. Von Mistelbach nach Oberkreuzstetten und von Unterolberndorf nach Wolkersdorf. Anschließend schwenken wir auf einen erstklassigen Bahntrassenweg ein. Er heißt: Radweg Dampfross und Drahtesel. Elf Erlebnisstationen machen neugierig; daneben laden Rastplätze zu einer Pause ein. Zwischen 1903 und 1988 schnauften hier Züge von Wien hinauf ins Weinviertel. Wir rollen entspannt in die Gegenrichtung, bergab in die Großstadt. Bei Kilometer 95 ist es geschafft, wir stoppen an der Donau. Dahinter liegt Wien. An kaum einem anderen Ort in Mitteleuropa prallt die Geschichte alter Adelshäuser so hart auf die Moderne, der Osten auf den Westen, eine Metropole auf die Natur. 2015 ließ es die Mozartstadt krachen: Sie feierte 650 Jahre Universität Wien. Man stieß auf das 200-jährige Jubiläum des Wiener Kongresses an, würdigte den Bau der Ringstraße vor 150 Jahren. Der 5,3 Kilometer lange Prachtboulevard geht auf Kaiser Franz Joseph zurück, der ihn 1857 anlegen ließ. Danach konnte sich Wien mit Paris, London und Berlin messen. An der Straße stehen das Parlament, die Staatsoper, das Rathaus. Hier spazieren Touristen aus aller Welt ins Kunsthistorische und Naturhistorische Museum. Gegenüber zieht die Hofburg unsere Blicke an. In ihr hielt das Haus Habsburg die Fäden in der Hand, regierte sein riesiges Reich. Die Bundeshauptstadt ist eng mit ihrer Gastronomie verknüpft. Die Namen der Traditionscafés zergehen auf der Zunge wie ein Stück Sachertorte: Café Imperial, Café Mozart, Café Bellaria, Café Central. Die Ober tragen einen „Kleinen Braunen“ an den Tisch, servieren „Einspänner“, stellen vor den Gästen „Eine Schale Gold“ ab. Das große Erbe der traditionellen Wiener Kaffeehauskultur zeichnete die UNESCO 2011 zum immateriellen Kulturerbe aus. Ebenfalls zum Welterbe zählen das historische Stadtzentrum von Wien (2001) und das Schloss und der Park von Schönbrunn (1996). Der Schlosspark bleibt zurück. Anschließend weicht die Städtelandschaft Wiens den Vororten, diese gehen in Wiesen und Weinstockreihen über. Sie umschließen das Idyll Baden. Der Kurort gehört zu den aktuell 15 „Kleinen historischen Städten in Österreich“. Was wird hier geboten? Jeden Juni finden die Rosentage statt. Im September wandert man auf der „Genussmeile“ und kostet die Leckereien der Thermenregion Wienerwald. Rund ums Jahr spazieren Reisende zum Beethovenhaus. Es zeigt neben den Wohnräumen eine informative Beethoven-Dokumentation. Ludwig van Beethoven komponierte während seiner 15 Aufenthalte hier den 4. Satz der Neunten Symphonie, die „Ode an die Freude“. Heute ist sie als Eurovisions-Melodie in den Köpfen der Fernsehzuschauer. Auch andere Künstler fanden in Baden Inspiration, wie etwa Franz Grillparzer, Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert, Johann Strauß. Von hier aus treten die Beine leicht durch das Wiener Becken, der Weg steigt bergan in die Tourismusregion Wiener Alpen. In der Therme Linsberg Asia von Bad Erlach kann man Energie für den schwersten Anstieg der Route tanken. Wie umkämpft die Region einst war, verraten die Festungen über dem Tal: Burg Pitten, Burg Seebenstein und Burgruine Türkensturz. Am Südrand von Aspang-Markt wird der Radweg schlagartig steil. Die Gegend trägt zu Recht den Titel „Bucklige Welt“ und „Land der 1.000 Hügel“. Verschlafene Dörfer gepaart mit einer prächtigen Fernsicht: So geht es dem höchsten Punkt der Reise auf 967 Metern entgegen. Von Mönichkirchen reicht der Blick weit gen Osten. Er trifft jenseits des Burgenlands auf die Pannonische Tiefebene. Im Westen sieht man unterwegs die Gipfel der Rax-Schneeberg-Gruppe. Markant erhebt sich der 2.076 Meter aufragende Schneeberg. Von der karstigen Hochfläche aus bezieht Wien Teile des Trinkwassers. Kaiser Franz Joseph I. eröffnete 1873 nach dreijähriger Bauzeit die 95 Kilometer lange I. Wiener Hochquellenleitung. Das Teilstück durch Niederösterreich war abwechslungsreich. Doch nun buhlt die Steiermark um die Gunst der Radler, empfängt uns mit einer rasanten Abfahrt. Durch Friedberg und Rohrbach an der Lafnitz rollen wir durch den 1983 eingerichteten Naturpark Pöllauer Tal. Streuobstwiesen, Wälder und Äcker prägen den beschaulichen Flecken Erde, der Höhen zwischen 345 bis 1.280 Meter umfasst. Vorbei am Schloss Hartberg radeln wir ins Thermenland Steiermark. Das Aushängeschild sind die sechs Thermenorte Bad Radkersburg, Bad Gleichenberg, Loipersdorf, Bad Blumau, Bad Waltersdorf und Sebersdorf. Die EuroVelo 9 führt hinunter zur Lafnitz. Der Fluss bringt uns nach Fürstenfeld, wo man Anschluss an den Feistritztalradweg hat. Wenig später passieren wir auch den Raabtalradweg. Hinter den Niederungen steigt der Reiseweg abermals bergan. Sanfte Anhöhen, gesäumt von Weinzeilen und Laubgehölzen bilden jenes Panorama, für das man in den Südosten Österreich reist. Auf einer dieser Aussichtslogen sitzt St. Anna am Aigen. Im Zentrum fällt die Gesamtsteirische Vinothek auf. Hier kann man all die Köstlichkeiten kosten, die nebenan reifen und unterwegs das Auge verwöhnen. Was die Winzer anbauen? Welschriesling, Weißburgunder, Chardonnay, Zweigelt und Müller-Thurgau. Die finale Abfahrt zur Mur steht an. Wir lassen die Räder laufen. Mit Bad Radkersburg hat sich die Route einen letzten Höhepunkt aufgespart. 360 Kilometer stecken in den Beinen – den Sprung in die Therme haben wir uns redlich verdient!

Infos EuroVelo 9


Länge der Tour: 359 km

Etappen:
1. Bernhardsthal – Sankt Ulrich – Wilfersdorf – Mistelbach 37 km
2. Mistelbach – Oberkreuzstetten – Wolkersdorf im Weinviertel – Wien 66 km
3. Wien – Vösendorf – Baden – Wiener Neustadt – Bad Erlach 72 km
4. Bad Erlach – Aspang Markt – Mönichkirchen – Rohrbach an der Lafnitz 55 km
5. Rohrbach an der Lafnitz – Hartberg – Bad Waltersdorf – Fürstenfeld 62 km
6. Fürstenfeld – Neustift – St. Anna am Aigen – Bad Radkersburg 67 km

Tourcharakter: Der Reiseweg beinhaltet Radwege, Nebenstraßen und Passagen auf Kies. Den höchsten Punkt erreicht man auf gut 900 Metern. In diesem Abschnitt ist die Tour schwer, ansonsten leicht zu befahren. Die Kennzeichnung erkennt man an dem blauen EuroVelo-Kacheln mit der Nummer 9. Teils steht darunter der Zusatz „Thermenradweg“.



Unterkunft: Hotel Restaurant zur Linde, 2130 Mistelbach, Josef-Dunkl-Straße 8, Tel.: +43 (2572) 24 09, zur-linde.at; Magdas Hotel, Laufbergergasse 12, 1020 Wien, Tel.: +43 (1720) 02 88, magdas-hotel.at; Asia Resort Linsberg, Thermenplatz 1, 2822 Bad Erlach, Tel.: +43 (2627) 48000, linsbergasia.at; Gasthof Falk, Bahnhofstraße 2, 8234 Rohrbach an der Lafnitz, Tel.: +43 (3338) 23 15; Gasthof Fasch, Grazerplatz 3, 8280 Fürstenfeld, Tel.: +43 (3382) 524 38, gasthof-fasch.at; Hotel Toscanina, Thermenstraße 6, 8490 Bad Radkersburg, Tel.: +43 (664) 888 722 33, toscanina.at.

Reiseführer: Eurovelo 9: Von Brünn nach Maribor, Verlag Esterbauer, 12,90 Euro, esterbauer. com; Reiseführer Österreich, Baedeker, 27,99 Euro, baedeker.com; CityTrip Wien, Reise Know-How, 11,95 Euro, reise-know-how.de.


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