AUTORENREISE

München — Indonesien

Ursprünglich hatte Stephan Schreckenbach eine Tour von München nach Bangkok geplant, daraus wurde eine Reise bis nach Bali (Indonesien). In den anderthalb Jahren der Reise kamen dabei rund 27.000 Kilometer in 22 Ländern zusammen.
Wenn Du unterwegs Fremde getroffen hast, wie hast Du Dich Ihnen vorgestellt?
Meistens sind die Leute zu mir gekommen und haben mich angesprochen. Oft haben Sie mir ein regelrechtes Loch in den Bauch gefragt, wenn das nicht durch Sprachbarrieren verhindert wurde. Besonders habe ich mich immer gefreut, wenn ich es geschafft habe, häufig vorkommende Fragen in der jeweiligen Landessprache zu verstehen und zu beantworten.

Wo bist Du gerade?
Ich bin gerade in meiner Wohnung in München und programmiere einen Trailer für die Multivisionsshow Cycling Eurasia…

Es gibt im Deutschen das schöne Wort Fernweh – welche Bedeutung hat es für Dich?
Fernweh ist für mich ganz stark verbunden mit einer unglaublich großen Neugierde auf das Unbekannte und dem Wunsch, den Planeten Erde, auf dem wir alle leben, ein klein wenig besser kennen zu lernen.

Und umgekehrt: Wie ist es mit Heimweh?
Das sind für mich oft ganz einfache Dinge, die ich irgendwann anfange zu vermissen. Zum Beispiel einen kalten Orangensaft oder ein Baguette-Frühstück. Witzigerweise dreht es sich beim Thema Heimweh bei mir oft um Kulinarisches, vor allem dann, wenn ich nach einem anstrengenden Radreisetag ordentlich Hunger habe.

Was war der weit entfernteste Punkt von Deinem Zuhause, an dem Du auf Deiner Radreise warst? Was war dort ganz anders als an Deinem Zuhause?
Am weitesten weg von zu Hause war ich, als ich mit dem Rad auf Bali angekommen bin. Bali hat eine reiche hinduistische Kultur mit einer unglaublich hohen zeremonialen Durchdringung des täglichen Lebens. Die Menschen verbringen sehr viel Zeit mit dem Feiern von Festen, verschiedenen Riten und mit Musik. Das war bezüglich der Lebenseinstellung ein ziemlich kontrastreicher Gegenentwurf zu unserer rationellen, leistungs- und effizienzorientierten Lebensweise.

Was war der kälteste Punkt der Reise und wo war es am wärmsten?
Am kältesten war es im Himalaya in China, wo ich im November auf teilweise über 5.000 m Höhe unterwegs war. Am heißesten war es in der sommerlichen Steppe Usbekistans. Es gab kaum Schatten, und der Asphalt war so heiß, dass die Sohlen meiner Sandalen irgendwann auseinandergefallen sind.

Mit was für einem Fahrrad warst Du unterwegs? Was magst Du an ihm, was nicht?
Ich bin mit einem 26 Zoll-Rad mit breiten Reifen und Stahlrahmen unterwegs gewesen. Wir beide haben uns unterwegs ganz gut angefreundet, und ich habe an meinem Rad eigentlich nicht viel auszusetzen.

Warum hast Du Dich für dieses Fahrrad entschieden? Würdest Du es wieder tun?
26 Zoll deshalb, weil Ersatzreifen dafür weltweit gut verfügbar sind. Den Stahlrahmen habe ich gewählt, weil man daran unterwegs auch mal etwas schweißen lassen kann, wenn irgend etwas abbricht.

Welche Reiserouten stehen auf Deiner inneren Wunschliste ganz oben?
Die Welt ist ja so groß und vielfältig, dass mögliche Reiseziele in nahezu unendlicher Anzahl existieren. Ich versuche also lieber gar nicht erst, so eine Wunschliste auszuarbeiten. Ich hatte mal eine Weile lang davon geträumt, in der nördlichen Polarregion Rad zu fahren und zum Beispiel Inuit auf Walfang zu besuchen. Davon habe ich dann aber Abstand genommen, weil das aufgrund der immer hungrigen Eisbären nur mit bewaffneter Begleitung und permanenter Nachtwache vor dem Zelt möglich ist…

Drei Dinge, die Du gepackt und niemals gebraucht hast?
Ich habe unglaublich viele Ersatzteile und Werkzeuge mitgenommen, um unterwegs möglichst für alle technischen Eventualitäten gerüstet zu sein. Zum Beispiel hatte ich so viele Ersatzspeichen mit, dass ich damit ein halbes Laufrad hätte einspeichen können. Gebraucht habe ich keine einzige Speiche. Für die Winterdurchquerung im Himalaya habe ich eine Snowcard eingesteckt. Die benutzt man eigentlich, um beim Skitourengehen im Hochgebirge die Lawinengefahr abzuschätzen. Benutzt habe ich die kein einziges Mal, weil unterwegs nur sehr wenig Schnee lag.Am skurrilsten war wohl eine Trillerpfeife, die ich mitgenommen hatte, um in eventuellen Notsituationen auf mich aufmerksam machen zu können. Gebraucht habe ich die natürlich nie.

Drei Dinge, die Du auf Tour eigentlich ständig brauchst?
Zelt, Schlafsack und Isomatte. Mit diesen drei Sachen habe ich unterwegs das notwendige Maß an Autarkie. Ich kann schlafen, wo ich will, muss nicht viel im Voraus planen und kann auch in der Wildnis mal einen Schlechtwettertag gemütlich im Zelt abwarten.

Die Frage darf nicht fehlen: In welchen Ländern der Erde warst Du auf Deiner Radtour? Wie lange warst Du dort jeweils unterwegs?
Die Liste ist lang. Praktisch kommen alle Länder darin vor, die zwischen Deutschland und der Insel Bali liegen: Österreich, Slowakei, Ungarn, Serbien, Kroatien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Türkei, Georgien, Aserbaidschan, Iran, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisien, China, Laos, Kambodscha, Thailand, Malaysia und schließlich Indonesien. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen.

Unternimmst Du auch Radreisen oder Radtouren in Deutschland oder seinen Nachbarländern? Wenn ja, was sind Deine Lieblingstouren hier?
Ab und zu gehe ich auch in Deutschland und seinen Nachbarländern auf Radreise. Hier gibt es ja auch interessante Strecken und man kann direkt vor der Haustür losfahren. Die Strecken zwischen Berlin und Dresden und von München nach Dresden haben mir sehr gut gefallen. Von Dresden aus kann man auch eine schöne Rundtour an der Elbe entlang nach Wittenberg und an der Freiberger Mulde entlang zurück nach Dresden machen. Diese Strecke ist sehr abwechslungsreich und geschichtsträchtig. Ich habe hier mein Geschichtswissen aufgrund der vielen Infotafeln entlang der Strecke spürbar aufgefrischt.Auch das Altmühltal habe ich als sehr schön in Erinnerung. Einmal bin ich von München aus mit dem Rad einen Freund in Köln besuchen gefahren. Sozusagen ganz nebenbei habe ich den Donauradweg, den Neckarradweg, die uralte Stadt Worms und natürlich Heidelberg kennengelernt. Auch einen Radtrip von München nach Freiburg und von da weiter über Straßburg nach Koblenz kann ich sehr empfehlen. Was Deutschlands Nachbarländer angeht, erinnere ich mich vor allem an drei Strecken. Eine Tour von München nach Barcelona, eine weitere Tour von München über die Alpen nach Dubrovnik in Kroatien und eine Radtour in Polen von Breslau über Danzig und quer über die Masurische Seenplatte bis nach Suwalki kurz vor der litauischen Grenze. Ich merke gerade, die Liste ist nahezu endlos und eigentlich hat jede dieser Routen das Zeug zur Lieblingstour in der näheren Umgebung.

Es sieht so aus, dass Du recht oft und viel mit dem Fahrrad unterwegs bist. Was fasziniert Dich eigentlich so daran?
Das Radreisen ist für mich die beste Möglichkeit, Land und Leute wirklich kennenzulernen. Man lernt auf dem Weg von A nach B jede Menge Orte kennen, von denen man vorher gar nicht wusste, dass sie existieren und wie schön sie sind. Man ist mit dem Fahrrad langsam genug, um unterwegs nichts zu verpassen und schnell genug, um dennoch relativ weit zu fahren, wenn man es will. Insbesondere im Ausland liebe ich die zahlreichen Gespräche und Kontakte mit Einheimischen, die sich spontan ergeben, wenn man als Radreisender durch das Land fährt.

Du hast über das Reiseprojekt Cycling Eurasia eine Multivisionsshow gemacht. Was bekommt der Zuschauer dort zu sehen?
Nach der Reise hatte ich den Wunsch, die zahlreichen Erlebnisse und berührenden Momente, die ich unterwegs hatte, mit den Menschen hier vor Ort zu teilen und sie ein wenig teilhaben zu lassen an der Reise. Das wollte ich in Form einer Multivisionsshow tun, da dieses Medium in nahezu perfekter Weise beeindruckende Bilder, spannende, live gesprochene Erzählungen und passende Musik zu einem sehr intensiven, autentischen Erlebnis verschmilzt. Angesichts von anderthalb Jahren auf Reisen, über 10.000 fotografierten Bildern und Tagebuchaufzeichnungen vom Umfang eines ganzen Buches war es keine einfache Sache, eine in etwa anderthalbstündige Präsentationsform zu finden, die meinen inhaltlichen Ansprüchen gerecht wird. Die sechs Monate Arbeit, die ich in das Multivisionsprojekt gesteckt habe, haben sich definitiv gelohnt. Entstanden ist eine Multivisionsshow, die eine sehr spannende Mischung aus beeindruckenden Landschaftsaufnahmen, tiefen kulturellen Einblicken, menschlichen Begegnungen und bewegenden bis skurrilen Reiseerlebnissen bietet. Letztes Jahr war ich mit Cycling Eurasia auf dem Bergsichten Festival in Dresden zu Gast und habe am Wettbewerb der Kurzvorträge teilgenommen. Ich habe den 1. Platz errungen – über dreihundert der knapp 800 anwesenden Leute haben für Cycling Eurasia votiert. Das war ein sehr bewegender Moment.

Das klingt spannend. Wo kann man Dich mit Deiner Show sehen?
Cycling Eurasia gibt es deutschlandweit zu sehen. Auf cyclingeurasia.com/diavortraege gibt es alle aktuellen Infos zu anstehenden Multivisionsshows. Auch für allgemein am Thema Reisen und Radreisen Interessierte lohnt es sich, einen Blick auf die Seite zu werfen. Zu jedem Land, das ich im Rahmen von Cycling Eurasia bereist habe, gibt es einen ausführlichen Reisebericht. Es gibt auf cyclingeurasia.com auch einen ausführlichen Abschnitt, der sich ganz dem Thema Ausrüstung für Radreisen und Radfernreisen widmet. Wer sich also für zukünftige Reise- und Urlaubsziele inspirieren lassen will oder vielleicht sogar selber eine größere Radreise plant, sollte auf jeden Fall mal einen Blick auf die Seite werfen.

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