Bikefitting: Millimeter für Kilometer

Was leistet ein Bikefitting, was Faustformeln zur Einstellung nicht können? Macht die professionelle individuelle Radanpassung auch für Trekkingradler Sinn? Wir haben es im Selbstversuch ausprobiert.

Text: Jan Gathmann

Sitze ich überhaupt richtig auf dem Rad? Fast alle Radfahrer haben sich oder Mitradlern diese Frage schon gestellt. Beim Neukauf oder bei Schmerzen drängt sie besonders. Also Dr. Google fragen. Die Suchphrase „Fahrrad Einstellung“ liefert immerhin brauchbare Tipps. Fast alle hat man irgendwo schon mal gehört. Die wichtigsten (und unserer Erfahrung nach nützlichen):

So startet der Laie

1) Mit Sattel beginnen
2) Sattelhöhe so einstellen: Pedale an untersten Punkt. Ferse mit Radschuh aufsetzen. Jetzt muss das Bein gestreckt sein. Ist es eingeknickt: Sattel erhöhen. Kippt die Hüfte schon in Richtung Pedal: Sattel tiefer stellen.
3) Sitzlänge einstellen: Auf den waagerechten Sattel setzen. Pedale in 3-Uhr-Stellung. Schuh so aufsetzen, dass ein Lot entlang der Kniescheibe auch durch die Achsenmitte der Pedale verläuft. Sattel so weit vor oder zurück schieben, dass diese Position sich am Gesäß bequem anfühlt.
4) Lenker einstellen: Wie hoch oder tief er über oder unter dem Sattel stehen kann, ist eine Frage der gewünschten Haltung. Für den Sport und Radreisen eher auf Sattelniveau oder tiefer. Für kurze Strecken eher höher.
5) Gleich welche Haltung: Die Arme sollten immer leicht gebeugt sein, niemals gestreckt. Das kann mit der Vorbaulänge variiert werden.
6) Von dort ausgehend individuelle Veränderungen nach Gefühl vornehmen

So bin ich jahrelang mehr oder weniger gut gefahren. Jetzt will ich es genau wissen und unterziehe mich bei Fitting-Experte Dr. Kim Tofaute einem Profi-Fitting. Als ich dort wie beim Arzt den „Eingangsfragebogen“ ausfülle, habe ich es Schwarz auf Weiß. Auf die Frage, „wo haben Sie schon einmal Schmerzen beim oder nach dem Radfahren gespürt?“ muss ich einige Kreuze machen: Hand und Nacken sowie das Knie sind dabei, zum Glück nur das letztere mit bisweilen stärkerer Ausprägung. Damit bin ich nicht alleine: „Mehr als jeder zweite Radfahrer klagt etwa über Schmerzen and Hand und Gesäß“, nennt Tofaute Zahlen aus einer Studie an der Deutschen Sporthochschule Köln für seine Dissertation.

Das leistet das Bike-Fitting

Vom Bike-Fitting verspreche ich mir Linderung. Der Anspruch eines Fittings ist es schließlich, die optimale individuelle Sitzposition zu finden. Mit diesem Anliegen kommen laut Kim Tofaute immer mehr Trekkingradler in eines der Fitting-Studios nach Koblenz oder Mannheim. Aber Radsportler bis hin zum Profi machen den Großteil der Kunden aus. „Optimale Sitzposition“, das heißt für die Sportler, wenn sie mehr Leistung mit gleicher Kondition erbringen können. „15 bis 50 Watt mehr kann eine optimierte Sitzposition auf dem Rennrad herausholen“, erklärt der Sportwissenschaftler.

Aufnahme-Fragebogen wie beim Arzt
Deshalb enthält der detaillierte Fragebogen auch Felder zum Renneinsatz oder Krankheiten. Nach der kurzen Schreibtischarbeit muss ich auf die Liege. Der Experte untersucht meinen Körper auf Fehlstellungen. Er testet die Mobilität der Gelenke, schaut nach eventuellen Beinlängendifferenzen. Quadrizeps und Hüftbeuger sind etwas verkürzt. Ich erhalte einen Tipp für Dehnübungen. Anschließend werde ich vermessen: Innenbeinlänge, Armlänge, Torsolänge, Schulterbreite sind die wichtigsten Maße, die für die Einstellung eine Rolle spielen. Meine mitgebrachten Radschuhe hat der Fitting-Experte bereits begutachtet und alle Dimensionen meines Fahrrades mit dem Laser und Maßband ausgelotet.

Alle Fahrpositionen werden durchgespielt
Das Rad, das die Quelle meiner Freude und meines Leidens ist, steht schon eingespannt auf einem Rollentrainer im Fokus je einer Videokamera vorne und seitlich. Währenddessen werden meine Gelenke noch mit kleinen Kügelchen beklebt. Sie sollen später im Video sichtbar machen, welche Winkel mein Körper beim Treten einnimmt. „Nur in Bewegung, am besten wenn man die Beobachtungssituation vergisst, findet man realistische Werte“, erklärt Tofaute. So lässt er mich auch länger fahren. Alle Rad-Haltungen wie Wiegetritt und ein Griff an die Bar-Ends am Berg werden durchgespielt. Zwischendurch klingelt das Telefon. Tofaute hebt ab, während ich weiter schwitze. „Es gehört für mich auch dazu, dass man weitergehende Fragen beantwortet“, erklärt später der Berater, der mich sonst die ganze Zeit genau beobachtet hat.

Ich sitze zu hoch
Zwar hat das Video alles festgehalten, doch „am genauesten sieht man mit geschultem Auge live“, so Tofaute. Beim gemeinsamen Betrachten des Mitschnitts erklärt er seine Sicht: Ich sitze schon recht passend, trete aber beim schnellen Pedalieren unrund, weil der Sattel zu hoch steht. Im Video sehe ich, wie ich auf dem Sattel hüpfe. Der Winkel der Bar-Ends ist für den Wiegetritt nicht optimal. Von der Seite erkenne ich sofort, wie die Hände ungünstig abknicken. Weitere unergonomische Einstellungen finden sich bei der Pedalbindung und dem Sattelwinkel. Kim Tofaute vermutet, dass ich die Sattelspitze weit nach unten absenke, um Schmerzen im Dammbereich zu vermeiden, was ich bejahen kann. Er empfiehlt mir deshalb einen Spezialsattel mit Entlastungszone in diesem Bereich – meist als Aussparung oder Stufe ausgeführt.

Millimeter zählen bei der Korrektur
Dann habe ich eine Verschnaufpause. Der Fitting-Experte korrigiert alle Einstellungen, wobei er Winkelmesser, einen Laser für lotrechte Linien und einen Stift zur Markierung der Ausgangsposition der Pedalplatten einsetzt. Hier ein paar Millimeter, dort wenige Grad – ich bin erstaunt, wie gering die Veränderungen sind.
Dann bin ich wieder dran. Ich setze mich auf das Rad – und bin erneut überrascht. Trotz geringer Änderungen fühlt sich die Position spürbar anders an. Schon das Einklicken in die Pedale geht leichter. Beim Pedalieren fällt der unrunde Tritt nun spürbar runder aus. Mehr lässt sich erstmal nicht sagen.

Radfahr-Schulung inkusive
„So jetzt machen wir noch ein bisschen Rad-ABC“, holt mich auf einmal der Fitting-Experte aus meiner Selbstanalyse. Er leitet mich zu Beinübungen auf dem Rad an. Ich pedaliere mal mit den Beinen ganz nah am Oberrohr, mal mit O-Beinen im Cowboy-Stil. Mal drehe ich die Fersen nach innen, mal nach außen. Wie ein Lauf-ABC soll ich mein Rad-ABC regelmäßig als Tritt-Technik- und Aufwärmübung in der ersten Phase des Radfahrens absolvieren. Zum Schluss noch einmal ein Blick auf die Video-Aufzeichnung zur Kontrolle: kein Hüpfen mehr! „Die Umstellung wirkt sich erst mit der Zeit richtig aus“, lenkt Tofaute meine Erwartungen in die Zukunft.

Vorläufiges Fazit
Inzwischen habe ich rund 500 Kilometer mir der neuen Einstellung zurückgelegt. Nicht viel, aber genug für erste Aussagen. Und es geht besser. Auf dem Rad fühle ich mich insgesamt wohler – möglich, dass allein das Bewusstsein, die richtige Position auf dem Rad zu haben, kleine Flügel verleiht. Vor allem das Fahren mit hohen Trittfrequenzen und weniger Widerstand, das mir der Fitting-Experte empfahl, fließt leicht aus den Beinen. Das Knie dankt es mit weniger Schmerzen, weil ich weniger Druck ausübe. Bis jetzt bringe ich regelmäßig die Disziplin auf, mein Rad-ABC zu üben. Ich habe den Eindruck, dass die Übungen viel zu dem insgesamt besseren Gefühl auf dem Rad beitragen. Ich trete viel bewusster. Die Sattelempfehlung habe ich bisher nicht umgesetzt. Unterm Strich: die beste Investition in komfortableres Radfahren, die ich bisher getätigt habe. Wer ein hochwertiges Neurad kaufen will, sollte mit einem Bikefitting starten!

Rad selber einstellen: Fitting-Box
Nicht jeder hat einen Fitting-Experten in der Nähe – oder will soviel Zeit und Geld investieren. Mit der Fitting-Box hat Dr. Tofaute ein Paket für Do-it-Yourself-Fittings zusammengestellt. Sie enthält eine leicht verständliche Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Findung der richtigen Einstellungswerte und die nötigen Hilfsmittel zu ihrer Ermittlung sowie der Übertragung aufs Rad. Letzteres klappte in unserem Selbstversuch sehr gut. Vor allem das Lot und die Lineale erleichtern die Einstellungsarbeit im Millimeterbereich. Der Preis ist mit 49 Euro zwar nicht ohne. Gerade für Einsteiger, die mit der Fülle und Widersprüchlichkeit der Infos im Web überfordert sind, oder für den Kauf beim Versender lohnt sich die Investition aber. fitting-box.de

Sehen sie auch: Bildergalerie: Millimeter für Kilometer

Bikefitter im Überblick

Ergonomie-Experten fürs Fahrrad findet man inzwischen im gesamten Bundesgebiet. Hier haben wir eine Liste von Anbietern nach räumliche Kriterien zusammengestellt.

NORDEN

Junik Ergonomiecenter, www.junik-hpv.de, Hamburg

OSTEN

Berlin
Bike Academy Berlin, www.bike-academy-berlin.de, Berlin
Synergy Pro Training, www.synergy-protraining.de, Berlin

WESTEN

Aachen
XP Sport, www.xp-sport.de

Münster
Gebiomized, www.wefityourbike.de

Raum Köln
Komsport, www.komsport.de, Köln
GL8 Sport, www.gl8-sport.de, Burscheid

MITTE

Gießen
Zentrum Gesundheitssport UG, www.villa-aktiv.de/, Gießen

Bensheim
CycleFit, www.cyclefit.de, Bensheim

Jens Machacek, machacek-fitting.com, Bad Soden, Gelnhausen

SÜDEN

München
Speed Company, www.speed-company.com

Europeansports, www.europeansports.de, Ruhpolding

Freiburg
Radlabor, www.radlabor.de, Freiburg, München, Frankfurt

Raum Nürnberg
Radschloss, www.bikeimperium.de, Abenberg

Radsport Buchstaller, www.radsport-buchstaller.de, Hilpoltstein

Schuh Langmeier, www.schuh-langmeier.de, Raubling

BUNDESWEIT
• Specialized, www.specialized.com mit mehreren BG-fit Standorten

2 Gedanken zu “Bikefitting: Millimeter für Kilometer

  1. Ich danke Ihnen für den interessanten Artikel. Viele Hobby Radfahrer vergessen häufig wie wichtig ein gutes Bikefitting für Ihre Körperhaltung ist. Oft sind Beschwerden nach langen Radfahrten auf ein nicht durchgeführtes Bikefitting zurückzuführen.

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