Kräuterkunde für Radtouren: mit Grünzeug bis auf den Berg

Text: Karin Wichert

Kräuter sammeln am Wegesrand. Foto: privat

Wer auf naturbelassenen Wegen dahin rollt, entdeckt sie bei  jeder Pedalumdrehung. Grüne Kraftpakete, die es gratis gibt. Nicht ganz. Kennen muss man sie. Und sich bücken. Karen Wichert tut es regelmäßig und berichtet hier über ihrer Erfahrungen damit.

 

 

Begonnen hat alles mit einer Enttäuschung. Mein Mann und Radfahr-Komplize muss arbeiten, ich habe vier Wochen frei. Zu Hause sitzen? Niemals. Ich belade mein Rad und los geht es an der Ostsee. Seit vier Jahren bereichern Wildkräuter meinen Speiseplan, und seitdem bewegt mich die Frage: Wie lange halten mich Löwenzahn und Co. im Sattel? Jetzt, wo ich mit niemandem die Piste teile, will ich es wissen.

Girsch. Foto: Shutterstock

Neben meinem Zelt finde ich schon am ersten Morgen Giersch. Die Blätter, drei an einem Stiel, sind schief herzförmig. Die entzündungshemmende, mild schmeckende Pflanze findet sich ab März am Gebüsch, Waldrändern oder Wiesen. Jetzt kommt sie in mein Müsli.

 

Brennnessel. Foto: Shutterstock

 

Dann esse ich Brennnessel-Blätter, ohne mich zu verbrennen. Dafür mit festem Griff ein Blatt abpflücken. Mit den Fingern die Blattunterseite Richtung Spitze streichen, Blatt mit der Unterseite nach innen einrollen, kräftig drücken und genießen. Brennnessel liefern unter anderem Eiweiß und Eisen, wirken schmerzlindernd und entgiftend.

 

Vogelmiere. Foto: Shutterstock

 

Meine Tour führt mich bei Nienburg an die Weser. Am Flussufer nasche ich Vogelmiere, die im Geschmack an Schoten erinnert. Die schleimlösende Pflanze wuchert das ganze Jahr an Mauern, Hecken und in Gärten.

 

 

Löwenzahn. Foto: Shutterstock

Allgegenwärtig ist Löwenzahn, dessen Bitterstoffe die Verdauung anregen. Ich kaue unterwegs die Blätter wie Kaugummi und kurbele mit Schwung die Hügel an der südlichen Weser hoch. Zwei Tage gesellt sich Gerhard zu mir, der sich die grünen Snacks erklären lässt. Tagsüber verputze ich nur Wildkräuter und vier Körnerriegel, bin nie hungrig oder schlapp. Abends gibt es eine warme Mahlzeit, ausgehungert bin ich immer noch nicht. Das alles bei 34 kg Gepäck plus Wasser am Rad. Und meist 80 bis gut 100 km täglich.

Gundelrebe oder Gundermann. Foto: Shutterstock

Gundermann lasse ich mir an der Fulda schmecken. Das immergrüne Kraut mit kleinen herzförmigen Blättern wächst an schattig-feuchten Stellen. Es bildet Ranken mit lila Blüten. Mit dem Absud der würzig schmeckenden Blätter heilt man eitrige Wunden.

Die langen, spitzen Blätter des Spitzwegerich bilden auf der Rückseite Rippen und schmecken etwas bitter. Zerquetscht aufgetragen nehmen sie Insektenstichen den Juckreiz und desinfizieren Wunden.

 

 

Gänseblümchen. Foto: Shutterstock

Gänseblümchen findet man, genau wie Spitzwegerich, fast das ganze Jahr auf Wiesen und Weiden. Blätter und Blüten schmecken nussig und wirken im Tee blutreinigend.

Meine Unterwegs-Variante: Wildgrün roh verdrücken. Von Brennnessel ab und zu Tee kochen. Zu Hause landen die Kräuter außerdem im Smoothie (sehr lecker mit gefrorenem Beeren-Obst), in Kräuterbutter und -quark.

Fehlt mir Wildgrün, bin ich bald hungrig. Wie in Frankreich, als ich zwischen Hauptstraßen und Maisfeldern rolle. Trotzdem schaffe ich es bis in die Vogesen und auf den Grand Ballon. Ein 1.600-Kilometer-Wildkräuter-Experiment mit erfolgreichem Ende.

 

Am Wegrand von …

… vielen Wegen, die durch einsame Gegenden führen. Wichtig: Bevor man mit dem Sammeln beginnt, sollte man sich – wie bei Pilzen – genau informieren. Autorin Karen Wichert zieht unter anderem das Buch „ Wildkräuter und ihre giftigen Doppelgänger“ von Eva Maria Dreyer (Kosmos, 9,95 Euro) zu Rate.  Sie begann mit dem Radfahren und Kräutersammeln nach einer schweren Arthrose-Diagnose. Daraufhin stellte sie die schlechte Ernährung ab, nahm Kneipp-Anwendungen in ihren Lebenszyklus auf. Rückschläge blieben nicht aus. Seit vier Jahren isst sie viel Rohkost und Wildkräuter. Da sich Karen Wichert als fast schmerzfrei bezeichnet, nimmt sie keinen Medikamente mehr. 2013 kaufte sie keinen Rolli, sondern ihr Reiserad. Die Kilometer im Sattel zählt sie nicht mehr. Mehr Infos: diezweiunterwegs.de

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