Lächelnd ins Ziel – Report von der Mecklenburger Seen Runde für Frauen

Es muss nicht immer Schweden sein. Auch im Nordosten Deutschlands gibt es malerische Seen, ausgedehnte Wälder und strahlende Menschen. Anja Rillcke hat sich für das RADtouren Magazin aufgemacht, die Mecklenburger Seen Runde zu erkunden und kam mit einem breiten Grinsen zurück.

Text und Bilder: Anja Rillcke

Samstagmorgen kurz vor sechs. In zwei Stunden muss ich in Neubrandenburg sein, um meine Startnummer für die Mecklenburger Seen Runde abzuholen. Während alle anderen noch schlafen, brause ich ins Land der Tausend Seen. Ich bin hundemüde, aber das macht nichts.

 Wo die grünen Wiesen leuchten weit und breit…

Denn nichts ist so erfrischend wie ein Sommermorgen in meiner Heimat. Die Nebelschwaden liegen noch schwer über den sattgrünen Weizenfeldern. Aber die Luft ist pur und riecht nach Gewitter. Keine Straßenschluchten, Ampelwälder oder Autokolonnen: Nichts hindert die Sicht auf den gebogenen Horizont, na ja, außer vielleicht die Windräder, die wie zu groß geratene Lilien den Himmel stürmen. Wenn man wirklich Glück hat, schwingt sich ein Mäusebussard auf, um uns motorisierte Störenfriede ein paar Meter zu begleiten. Man, wie elegant die fliegen. Irgendwie bin ich viel zu entspannt für ein Radrennen.

Sturm vor der Ruhe

Das ändert sich, als ich am gar nicht mehr so verschlafenen Tollensesee ankomme. Alles wuselt durch den Neubrandenburger Kulturpark. Ich lasse mich von der allgemeinen Aufregung anstecken und sehne den Startschuss herbei, der dem Gewimmel ein Ende machen wird. 96 Radkilometer liegen vor mir und das Höhenprofil der Strecke lässt berechtigte Zweifel aufkommen am Bild vom flachen, mecklenburgischen Tiefland. Abschrecken kann mich das nicht.

460 Damen sehen das genauso und haben sich mit mir zur ersten Auflage der Mecklenburger Seen Runde angemeldet. Die Werbeabteilung hat ganze Arbeit geleistet, denn an der Startlinie stehen Radfahrerinnen aus Hamburg, Braunschweig und auch Chemnitz. Einige tragen den Namen ihrer Stadt auf dem Ärmel des schicken Eventtrikots. Das macht nicht nur was her, sondern bringt uns schnell ins Gespräch.

Mit dem RADtouren Magazin um die Mecklenburger Seen – Teil I – Gummibärchen from koko lotte on Vimeo.

Nicht nur für die Veranstalter wird es eine Premiere. Für viele Hobbysportlerinnen ist es das allererste Radrennen. Nachdem am Vortag der Startschuss für den Radmarathon über 300 Kilometer gefallen ist, fahren wir die kürzere Frauenrunde. Ohne Leistungsdruck und ganz unter uns. Ein Rennrad braucht es dafür nicht, die meisten starten auf ihrem Mountainbike oder mit dem Tourenrad.

 Lächeln garantiert

Vor der Abfahrt machen sich alle Mut. Viele starten im Team und wollen in erster Linie Spaß haben. Es geht nicht ums Gewinnen, es geht um Genuss. Ein Fitnesstrainer animiert die Damen an der Startlinie zu Aufwärmübungen, der Fanfarenzug in blau-weißer Paradeuniform schmettert, als gäb es keine Langschläfer. Selbst Tourteufel Didi Senft ist mit von der Partie, um Kunststücke zu zeigen und uns anzufeuern.

Punkt acht startet die 30-köpfige Speedgruppe, angeführt von den Berliner Roadgirls. Eine halbe Stunde später rollen alle anderen Gruppen im Fünfminutentakt die ersten Meter durch die Stadt. Hinter dem Begleitfahrzeug der Polizei geht es vorbei an Plattenbauten bis vor die Tore Neubrandenburgs.

Wir sind keine drei Kilometer gefahren, als sich der erste Anstieg auftürmt und die Gruppe auseinanderreißt. Die rüstige Dame neben mir geht aber nicht mal aus dem Sattel. Oben angekommen bin ich erst mal ordentlich warm geschwitzt. So kann es getrost weitergehen. Im Verlauf des Rennens erwarten uns drei weitere Hügel, unbezwingbar ist davon zum Glück keiner.

Schöner kann eine Landschaft nicht sein

Mit dem RADtouren Magazin um die Mecklenburger Seen – Teil III – Franka im Ziel from koko lotte on Vimeo.

Zeitweilig bleibt mir die Spucke weg, nicht vor Anstrengung, sondern beim Anblick der blauen Seen. Wir fahren über kaum frequentierte Landstraßen, durch blühende Rapsfelder und aromatische Buchenwälder, vorbei an Feldsteinkirchen und weiter über kilometerlange Alleen. Es duftet nach frisch gemähtem Heu, Waldboden und von Zeit zu Zeit nach Landluft. Es macht schlicht keinen Sinn, schnell zu fahren bei diesem Panorama. Die Landschaft ist zu atemberaubend, um an ihr vorbeizubrausen. Wer noch nicht tiefen-entspannt gestartet ist, lässt spätestens jetzt die Seele baumeln.

Wie das Land, so die Leute

Nicht nur die Natur ist der schiere Wahnsinn. Die Mecklenburger selbst überbieten sich vor Herzlichkeit. Selbst im kleinsten Dorf stehen Menschen am Gartenzaun und applaudieren. Wie bei den richtig großen Rennen haben sie Schilder gemalt und mit Kreide auf die Straßen geschrieben: „Mädels, Ihr schafft das!“ Ich fühle mich wie Jan Ullrich in seinen besten Tagen.

Starke Leistung

Wem aber tatsächlich Applaus gebührt, sind die 800 Helferinnen und Helfer an der Strecke. Sie feuern an, weisen den Weg oder verteilen Obst, isotonische Getränke und selbst gebackenen Kuchen an einem der drei Verpflegungspunkte. In Feldberg prüft ein Fahrradmechaniker den Reifendruck oder repariert die Schaltung, während man sich nebenan die Waden massieren lassen kann. Mich beschleicht das Gefühl, dass die gesamte Feldberger Seenlandschaft auf den Beinen ist, um der Auftaktveranstaltung zum Erfolg zu verhelfen.

Die Hälfte der Strecke ist geschafft. Zeit für ein zweites Frühstück. Es gibt Früchtemüsli und frischen Naturjoghurt oder Bratwurst für die Hartgesottenen. Alle freuen sich, ihre Akkus hier aufzutanken. Denn wir befinden uns auf einer Landzunge im Feldberger Haussee. Ich frage mich, wie es sich anfühlt, im Paradies zu wohnen, fahre dann aber weiter. Schließlich soll dieser Text nicht ins Wasser fallen.

Ein verdienter Sieg für alle

Am frühen Nachmittag kommen wir zurück nach Neubrandenburg. Uns erwartet ein Empfang, der einer „Tour de Charme“ alle Ehre macht. Wir werden wie echte Toursieger bejubelt und so strahlen wir auch. Sogar die Sonne ist jetzt raus gekommen. Und als ob das nicht genügte, bekommen alle 2.600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Mecklenburger Seen Runde im Ziel eine Medaille, natürlich in Mecklenburg-Form.

Volksfeststimmung inklusive

Mit dem RADtouren Magazin um die Mecklenburger Seen – Teil II – Team Diakonie from koko lotte on Vimeo.

Um mich von den „Strapazen“ zu erholen, beobachte ich auf der Festwiese andere, die sich verausgaben. Als wäre die Schwerkraft noch nicht erfunden, hüpfen die Jungs mit den Trial-Bikes von einem Hindernis zum nächsten, während die Neubrandenburger Cheerleader durch die Luft wirbeln. Die Kleinsten amüsieren sich auf der Krokodilhüpfburg oder schlagen ihre Eltern bei Geschicklichkeitsspielen.

Der Rummel kann warten, ich gehe duschen. Warmes Wasser – eine Wohltat! So geht es einfach weiter, schließlich dreht sich heute alles um den Genuss. Ich stelle mich in die kurze Schlange vorm Massagezelt und lasse meine müden Beine durchkneten. Danach schnappe ich mir einen Teller Eintopf und beobachte die Radsportler, die im Minutentakt über die Ziellinie fliegen.

Die wenigen, die es heute nicht schaffen, müssen nicht traurig sein. Sie können die Landschaft in vollen Zügen genießen und werden dann von einem Shuttle-Service zurück nach Neubrandenburg chauffiert. Danach beginnt das lange Warten. Ein ganzes Jahr liegt vor uns. Das ist schlimmer als der Tag nach dem Geburtstag. Die zweite Mecklenburger Seen Runde startet am 29. und 30. Mai 2015. Markieren Sie sich den Termin ganz dick im Kalender. Wir sehen uns dann dort!

Die Mecklenburger Seen Runde 

  • Die nächste Mecklenburger Seen Runde findet am 29. und 30. Mai 2015 statt.
  • Start und Ziel ist Neubrandenburg.
  • Zwei Routen: 96 km Damenrunde (620 Höhenmeter), 320 km Radmarathon (1.120 Höhenmeter)
  • Startalter: ab 14 Jahre
  • Alle Räder sind erlaubt: auch Pedelecs, Tandems, Liegeräder
  • Verkehrsarme, rennradtaugliche und sichere Strecken, die von erfahrenen Radsportlern aus der Region ausgewählt wurden.
  • 3 Verpflegungsstationen bei der Frauenrunde, 8 auf der 300-km-Strecke
  • Startgebühr: 59 € bzw. 150 €
  • Unterstützung des Vereins „Krebskranke Kinder in Not e.V.“
  • Personalisierbares Event-Trikot mit eigenem Namen und Wohnort
  • Kostenloser Shuttle-Service für Rad und Fahrer, Massageservice, Fahrradreparatur an den Verpflegungsstationen, Wertsachendepot, Umkleidekabinen und Duschen, Zeitnahme, Online-Ergebnisdienst mit Urkunden-Download, Profi-Bilder vom Rennen
  • Rahmenprogramm mit Outdoor-Fahrradmesse und Teststrecke, Stadtführungen, einer Pastaparty und Live-Musik
  • Infos: www.mecklenburger-seen-runde.de
  • https://de-de.facebook.com/pages/Mecklenburger-Seen-Runde/141975945976604

Jan Gathmann

Über Jan Gathmann

Obwohl Jan Gathmann als Kind immer nur die Fahrräder seiner Cousins geerbt hat, entwickelte er schon damals eine Ader für das Radfahren – vielleicht lag es an der liebevollen Umgestaltung der Erbstücke durch den Vater. Als Chefredakteur gestaltet Jan Gathmann seit 2009 das RADtouren-Magazin mit. In dieser Zeit und in den Jahren zuvor als Technikredakteur saß er schon im Sattel von geschätzt über 600 Testrädern – bis jetzt ohne Verschleißerscheinungen. Am liebsten greift er (auch in der Freizeit) zum Rennlenker von Randonneuren.

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