Ausprobiert: Schwalbe Marathon Almotion – Trekkingreifen tubeless

Für Ausgabe 4/14 des RADtouren-Magazins haben wir den neuen Schwalbe Marathon Almotion einem Praxis- und Labortest unterzogen. Mit dabei war auch eine schlauchlose Variante des Reifens – also der erste Trekking-Tubeless-Reifen überhaupt. Unsere Eindrücke von der Straße, der Montage und die Laborwerte der neuen Reifentechnik findet man hier. 

Was bedeutet überhaupt Tubeless? Die Technik ist am Wettkampf-Mountainbike inzwischen der Standard und auch am Rennrad im Kommen. Bei ihr wird der Reifen ohne Schlauch aufgezogen. Die Luft hält wie beim Auto allein zwischen Felge und Reifenwand. Dafür müssen sowohl Reifen als auch Felge speziell ausgelegt sein. Die Felge darf keine Löcher im Felgenbett besitzen. Solche Felgen sind mit dem Kürzel UST für „Universal Tubeless System“ gekennzeichnet. Das Ventil wird eingeschraubt und besitzt ebenfalls eine eigene Dichtung, damit dort keine Luft austritt. Herkömmliche Felgen – mit Löchern über den Speichenköpfen – können mit einem speziellen Felgenband nachträglich für den Tubeless-Einsatz abgedichtet werden. Da das Felgenband die Reifenmontage erschweren kann und gleichzeitig sehr exakt sitzen muss, ist das aber nur versierten Hobbyschraubern zu raten. Eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass die nachträgliche Umrüstung gelingt, bieten Felgen mit der Bezeichnung „tubeless ready“. Bei diesen ist zumindest das Felgenhorn, das für den sicheren Sitz sehr wichtig ist, passend gestaltet.

Auf der Felge findet man (meist) die Angabe über den Grad der Tubeless-Eignung. Diese Felge eines DT Swiss Tricon 1550 Laufradsatzes ist ohne weitere Maßnahmen für Tubeless-Reifen geeignet. Foto: Gathmann

Auf der Felge findet man (meist) die Angabe über den Grad der Tubeless-Eignung. Diese Felge eines DT Swiss Tricon 1550 Laufradsatzes ist ohne weitere Maßnahmen für Tubeless-Reifen geeignet. Foto: Gathmann

Auch der Tubeless-Trekkingreifen selbst muss gegen Luftverlust ausgerüstet sein. Dafür verfügen Tubeless-Reifen nach dem UST-System meist über eine zusätzliche Gummischicht im Inneren oder außen auf dem Reifen. Dabei ist die „Innenausstattung“ mit mehr Gummi ein Vorteil. Denn dort kann bei einem Schnitt oder Loch im Reifen ein Reifenflicken (z.B. von ParkTool) angebracht werden. Außen geht das nicht.

Marathon Almotion Tubeless leicht montiert

Als echter Tubeless-Reifen ist der Schwalbe Marathon Almotion mit einer Extraschicht Gummi auf der Innenseite versehen. Das macht ihn trotz hochwertiger Faltreifenausführung schwerer als die gleich große normale Variante: Die 150 Gramm Gewichtsaufschlag, die man der Herstellerangabe von 760 Gramm für den 40er 28-Zoll-Reifen entnehmen kann, bestätigten sich beim Wiegen. Damit kann der Reifen keine Gewichtsvorteile gegenüber dem Modell mit Schlauch verbuchen – ein Schwalbe Extralight-Schlauch in passender Größe bringt zwischen 100 und 140 Gramm auf die Waage.

Etwas aufwendiger, aber nicht kompliziert, ist die Montage des Tubeless-Reifens. Auf unseren Testlaufradsatz, ein DT Swiss XM 1550 Tricon mit UST-Felgenbett, ließ sich der Almotion mit einem Reifenheber und wenig Krafteinsatz aufziehen. Wir verwendeten zusätzlich 40 ml Doc Blue Latex-Milch, die einfach vor der Montage der zweiten Reifenwand unten in den Reifen geschüttet wird. Die hellblaue Flüssigkeit dichtet kleine und größere Löcher bei Defekten selbsttätig ab. Nachteil: Sie muss alle zwei bis sieben Monate erneuert werden, denn sie härtet mit der Zeit aus. Damit sich der Reifen beim anschließenden Aufpumpen leicht in die Felgenhörner setzt, empfiehlt sich Verwendung von Montageflüssigkeit – entweder eine Seifenlauge oder das von Schwalbe verkaufte Easy Fit. Zum Aufpumpen von Tubeless-Reifen wird immer Pressluft empfohlen, weil schnell Druck aufgebaut werden muss. Wir probierten es mit einer großvolumigen Standpumpe (SKS 29er) und hatten nach mehreren Versuchen und viel Easy fit-Einsatz  Erfolg.

Fahreindruck: leichtester Lauf und Gripp satt

Der Tubeless-Almotion rollt noch einmal spürbar leichter als die schon schnelle normale Variante. 20 Watt Rollwiderstand bei 23 km/h sind der beste je von uns gemessene Wert für einen Trekkingreifen. Den Unterschied spürt man auch auf der Straße sofort, selbst im direkten Vergleich mit anderen schnellen Reifen wie dem Marathon Racer der bis dato den Rollwiderstands-Bestwert in unseren Labortests hielt. Das Gefühl von Gripp in den Kurven (Asphalt) setzt ebenfalls neue Maßstäbe. Auch auf unbefestigten Kieswegen, mit dem niedrigsten empfohlenen Druck gefahren (3,5 bar), den das Tubeless-System ohne Defektanfälligkeit hergibt, ist die Traktion und das Fahrgefühl dem normalen Almotion überlegen. Überhaupt kommen bei der Tubeless-Variante und geringem Druck die Vorteile des neuen Almotion durch die geschmeidige Lauffläche und die festere Karkasse am besten zum Tragen. Der Reifen macht tubeless erst richtig Sinn.

Pannensicherheit: meßbar höher

Die im Labor erreichten Pannenschutzwerte des Almotion tubeless sind eine Klasse für sich. Ein Durchschlag war mit der verfügbaren Fallhöhe und dem Testdruck (4,5 bar), der den Versuch vergleichbar macht mit dem letzten Reifentest in RADtouren, gar nicht zu provozieren. Der Schutz vor Durchstichen liegt mit 1,06 Nm auf dem sehr hohen Niveau von Pannenschutz-Reifen mit dicker Gummieinlage unter der Lauffläche – ohne Milch! Mit Pannenschutzmilch, wie getestet, werden auch Einstiche bis 4 mm Durchmesser nachträglich abgedichtet. Im Praxistest konnten wir – bei allerdings niedriger Kilometerleistung unter 1.000 – keinen Defekt verzeichnen.  Überraschend: Auch bei langen Standzeiten bis zu vier Wochen sank der Luftdruck im System sogar weniger als bei der Kombi Leichtschlauch mit normalem Reifen.

Bleibt noch die Frage nach den möglichen Felgen. Dank 29er Mountainbike-Trend gibt es eine große Auswahl UST-Laufräder für die bislang einzige Almotion Tubeless-Größe 40-622. Allerdings sind sie wegen der meist niedrigen Gewichtszulassung nur für leichtgewichtige Trekkingradler zu gebrauchen. Für sportliche Trekkingräder ist der getestete DT-Swiss Tricon XM 1550 Laufradsatz eine Erwägung wert, der immerhin bis 120 Kilo zugelassen ist. Er ist mit 1.800 Gram  für einen Trekking-Laufradsatz sehr leicht und machte im Praxistest einen sehr seitensteifen und robusten Eindruck. Hoffnung auf mehr geeignete Laufradsätze – zumindest für leichte Trekkingräder und Randonneure – macht auch der Trend zu Scheibenbremsen am Rennrad, insbesondere Cyclocross-Rädern. So stellte etwa Bulls unlängst einen ca. 1550 Gramm leichten tubeless-ready Disc-Laufradsatz mit 115 Kilo Gewichtszulassung und Scheiben-Aufnahme vor.

Technische Daten

Schwalbe Marathon Almotion tubeless, UVP 64,95 Euro: Größen: nur 40-622; Gewicht: 757 g. (gewogen); Druckempfehlung: 3,5 bis 5 bar (Herstellerangabe); Typ: Faltreifen; Besonderheiten: Leichtlauf-Gummimischung, an der Lauffläche flexible Karkasse (Dynamic Casing), Reflextreifen

Jan Gathmann

Über Jan Gathmann

Obwohl Jan Gathmann als Kind immer nur die Fahrräder seiner Cousins geerbt hat, entwickelte er schon damals eine Ader für das Radfahren – vielleicht lag es an der liebevollen Umgestaltung der Erbstücke durch den Vater. Als Chefredakteur gestaltet Jan Gathmann seit 2009 das RADtouren-Magazin mit. In dieser Zeit und in den Jahren zuvor als Technikredakteur saß er schon im Sattel von geschätzt über 600 Testrädern – bis jetzt ohne Verschleißerscheinungen. Am liebsten greift er (auch in der Freizeit) zum Rennlenker von Randonneuren.

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