Radeln für Tibets Kinder – 1 Fahrrad, 18 Länder, 9.000 km, in 180 Tagen

Teil 2: Von der Türkei bis nach Georgien

Fotos/Text: Simon Schedlbauer

Wie eventuell der ein oder andere schon gehört hat, fahre ich, Simon Schedlbauer aus Bogen, mit meinem Fahrrad für einen gemeinnützigen Zweck von Deutschland nach Nordindien. In Nordindien werde ich in das Kinderdorf radeln, für welches ich in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Münchner Verein “Tibets Kinder im Exil e.V.” Spenden sammle.
Im Kinderdorf “Tibetan Children’s Village” in Dharamsala erhalten Kinder, die von Tibet über das Himalaya-Gebirge hierher flüchten, eine solide Ausbildung, um später eigenständig leben zu können. Mein Ziel ist es, 14.000,- Euro an Spenden für einen Krankentransportwagen für dieses Kinderdorf zu sammeln, in dem derzeit knapp 1.800 Kinder leben.

Ich bin Mitte März diesen Jahres losgefahren und meine Reise führte mich von meiner Heimatstadt Bogen in Niederbayern bereits über Österreich, Italien, Slowenien, den Balkan an der Adria entlang nach Griechenland bis in die Türkei.
In Istanbul machte ich die erste größere Zwischenstation und meine Freundin Katharina besuchte mich dort für ein paar Tage. So konnte ich in Istanbul neue Kraft für die nächste große Etappe tanken: die Türkei. Nach ausreichend Sightseeing in Istanbul ging es über die Bosporus-Brücke vom Europäischen Kontinent in den Asiatischen. Leider scheiterte der Versuch, über die Brücke zu radeln, da mich ein netter Polizist stoppte und ich in einem von ihm auf der Straße angehaltenen Bus mitfahren “durfte”. Vorerst radelte ich im türkischen Inland, bevor ich in Samsun an die Küste kam.

Von der türkischen Gastfreundlichkeit war ich total begeistert, man wird so oft zu Cay (=Tee) eingeladen, dass man gar nicht alle Einladungen wahrnehmen kann, da man ansonsten zwei Monate nur in der Türkei verbringen würde. Außerdem geht doch nichts über einen am Straßenrand sitzend, in einem mit Holz befeuerten Cay-Kocher zubereiteten türkischen Tee.

Als an einem Abend weit und breit kein Zeltplatz zu finden war, fragte ich einen Bauern, ob mein Mitradler und ich bei ihm im Garten campen dürften. Trotz Verständigungsproblemen (ich spreche kein Türkisch und er kein Deutsch oder Englisch) war dies überhaupt kein Problem und er und sein Nachbar fingen um 20:00 Uhr Abends noch für uns zu kochen an. So wurde extra der mit Holz befeuerte Cay-Kocher und der Grill angeworfen und es gab lecker Suppe, Hähnchen, Salat und Cay. Später am Abend hat er kurzfristig einen deutschsprechenden Türken eingeladen, wodurch man sich dann umso besser verständigen konnte. Überhaupt lernt man in der Türkei immer wieder mal einen deutschsprachigen Türken kennen, der halt mal in Deutschland gearbeitet hat.

Als ich in Samsun die Küste am Schwarzen Meer erreichte, traf ich dort zufällig auf den Pab-Radclub Samsun und jede Menge total begeisterter Radler. Wir wurden sehr herzlich in dem halb Handy-, halb Radladen aufgenommen, wo ich witzigerweise aufgrund meines “Ruderclub Straubing” T-Shirts sogleich noch einen Deutschen traf, der mittlerweile in der Türkei lebt. Die Leute von dem Radclub organisierten für uns eine billige Top-Unterkunft, ein sehr schönes, nahe am Strand gelegenes Hotel, das eigentlich der türkischen Regierung vorbehalten war. Am zweiten Tag in diesem schönen Hotel in Samsun besuchten uns ganz überraschend, ohne dass wir etwas gewusst hatten, einige höhere Beamte der Region zum Frühstück. Ich kam mir ein bisschen vor wie in dem Film “Der Pate”, alle waren fein im Anzug rausgeputzt und warteten schon auf uns, als wir den Frühstückssaal betraten. Sie setzten sich zu uns an den Tisch und sagten zuerst gar nichts, bis einer dann meinte er sei der Vater von einem Mitglied des Radclubs und ist so zu uns gestoßen. Die Beamten machten mit uns ein Foto und so kam ich mit meinem Spendenprojekt sogar in eine türkische Zeitung. Nur leider konnte ich den Zeitungsartikel nicht verstehen da dieser ja auf Türkisch war.

Bei der Stadtrundfahrt per Fahrrad am nächsten Tag schenkte mir der Fanshop des örtlichen Fußballclubs Samsunspor sogar einen Fanschal und eine Freikarte für ein Fußballspiel. Die waren total begeistert von meinem Radelprojekt und waren ganz aus dem Häuschen.

Hier in der Gegend am Schwarzen Meer traf man immer wieder mal auch einheimische Radler. So lernte ich auch einen sehr netten Türken kennen, der ein super Reiserad mit allen Schikanen und eine etwas verspielte Tourenausrüstung hatte. Er hatte auch Sticker mit den Landesflaggen von Kanada, Ukraine, Japan und Südkorea auf seiner Jacke und ich dachte mir wo der wohl schon überall unterwegs gewesen sein mag. So fragte ich ihn welche Länder er denn schon beradelt hat. Er meinte nur er ist nur hier in der Gegend in der Türke geradelt, aber sobald er in Rente ist, möchte er die Welt beradeln. Es ist immer gut wenn man Träume hat!

Was mich beim Weiterradeln in der Gegend nach Samsun überraschte, war, dass in der Türkei Reis angebaut wird und so sah man hier überall entlang der Straße Läden, die Reis verkauften. Weiter nördlich wird sogar Tee angebaut und von Trabzon auf dem Weg nach Erurum sah man anfangs sehr, sehr viele Haselnuss-bäume. Kulinarischer “Höhepunkt” am Schwarzen Meer war, als mein Radelkollege und ich von einem sehr netten Ehepaar in Persembe zum Übernachten eingeladen wurden. Nach dem Abendessen gab es reichlich Bier und Rotwein und um Kopfschmerzen am nächsten Tag zu vermeiden, essen die Türken nach dem Trinken eine “Iskembe Corbasi”, eine streng riechende Suppe aus Rindermagen (Kuttelsuppe). Tatsächlich hatte ich am nächsten Tag keine Kopfschmerzen, wenn auch das Essen der Suppe wegen des Geruchs große Überwindung gekostet hat. Eventuell lag das nicht Vorhandensein von Kopfschmerzen aber auch einfach daran, dass ich nicht zu viel getrunken habe.
Dann hieß es, baden im Schwarzen Meer, bevor es in den Bergen der Türkei anstrengend wird. So genoss ich das Meer sehr, da es auch das letzte Meer sein sollte, das ich auf meiner Radeltour sehe. Ich hatte nämlich geplant, von der Türkei über den Iran nach Turkmenistan zu radeln, um von dort dann nach Usbekistan zu kommen.

Da in Trabzon an der Schwarzmeerküste im Iranischen Konsulat mit der Visabeantragung für den Iran gar nichts vorwärts ging, radelte ich zum näher am Iran gelegenen Iranischen Konsulat in Erzurum in den Bergen Ostanatoliens, um dort das Visum zu beantragen. Doch alles kam anders als geplant. İch musste mit dem Visaprozess in Erzurum komplett neu beginnen, was daran schon zu scheitern schien, dass ich direkt vor Ort angeblich kein Visum beantragen darf. Man riet mir, das Visum über eine Reiseagentur zu beantragen, was wiederum daran scheiterte, dass alle Reiseagenturen zu diesem Zeitpunkt für Individualtouristen wie beispielsweise Radler wegen den bevorstehenden Wahlen im Iran Mitte Juni erst gar keine Visa beantragen, da man wegen der bevorstehenden Wahlen ohnehin keines bekommen würde. Dann wurde ich auf die Homepage des Iranischen Außenministeriums in Teheran verwiesen, wo ich das Visum online beantragen solle. Nur leider funktionierte der Link zur Visabeantragung nicht und das, wie ich gehört habe, schon seit angeblich drei Jahren nicht. Nach langer Überzeugungsarbeit durfte ich dann doch papierhaft das Visum im Konsulat in Erzurum beantragen und das Iranische Außenministerium signalisierte, dass sie dem Visum zustimmen würden. Bei erneuter Nachfrage hieß es dann, dass der Visaantrag nie in Teheran angekommen ist. So merkt man, dass man aufgrund der angespannten Situation der bevorstehenden Wahlen derzeit nie ein Visum bekommen würde. So war schnell der Entschluss gefasst, von der Türkei weiter nach Georgien zu radeln, um von dort nach Aserbaidschan zu gelangen und dann mit der Fähre über das Kaspische Meer nach Kasachstan überzusetzen. Von dort aus konnte ich wieder nach Usbekistan radeln. Eigentlich ganz amüsant da ich ursprünglich sogar diese Route geplant hatte.

Das absolute Highlight in der Türkei war, mit zwei Fischern aufs Schwarze Meer zum Fischen raus zu fahren. Wir trafen uns um 4:30 Uhr morgens und so konnte ich den Sonnenaufgang von dem kleinen hölzernen, nach alter Tradition gefertigten Fischerboot aus bewundern. Es war harte Arbeit für die Fischer. Leider hatten sie an diesem Morgen nicht sehr viel Glück und hatten nur eine geringe Ausbeute.

Das Unangenehmste an der Türkei waren die vielen Tunnel in den Bergen Ostanatoliens, dies lag an den Tunneln und nicht an der Türkei selbst. Beim Durchfahren eines Tunnels mit dem Fahrrad hatte ich immer ein mulmiges Gefühl: es ist sehr dunkel, bedeutend kühler als außerhalb und extrem laut wenn Autos und vor allem LKW’s vorbeidonnern. Noch dazu ist in einem Tunnel nie viel Platz, so dass die Autos und LKW’s sehr eng an einem vorbeifahren. Das Einzige, was man selbst dagegen machen kann, ist so schnell wie möglich den Tunnel zu durchradeln.
Ansonsten war das Radeln in der Türkei ein absoluter Traum, weil man fast immer einen Standstreifen in der Breite einer normalen Fahrspur hatte und so ziemlich ungestört radeln konnte, abgesehen von dem ein oder anderen Pferdewagen der auch auf dem Standstreifen fuhr.

Von dem jahrzehntelang andauernden Kampf der PKK im Kurdengebiet und den zu diesem Zeitpunkt vor kurzem begonnenen Friedensverhandlungen und dem Abzug der gewaltbereiten PKK-Kämpfer vor allem in den Irak habe ich in Erzurum, am Rande des Kurdengebiets, kaum etwas mitbekommen. Lediglich habe ich ganz enorm große und zahlreiche Militärstützpunkte und vor jeder Polizeistation ein mit einem Maschinengewehr patroullierenden Polizisten gesehen. Die PKK steht als Abkürzung für die Arbeiterpartei Kurdistans, die gewaltsam für die Autonomie kurdischer Gebiete in der Türkei kämpft. Was Ostanatolien betrifft, so scheinen фгср viele Häuser doch sehr ärmlich, vor allem in sehr kleinen Dörfern. So trocknen die Menschen dort Kuhdung und verwenden dies als Brennmaterial.

Was man in der Türkei natürlich nicht vergessen darf, sind die zahlreichen Moscheen, wo ich unter anderem in eine zum Freitagsgebet ging. Dies war sehr interessant und half mir in einem religiösen Land wie der Türkei die Kultur und die Menschen dort besser zu verstehen.

Bei der Grenze nach Georgien bin ich von circa 2.500 Höhenmeter wieder in eine Tiefebene geradelt und es war auf einen Schlag total grün. Es gab einen großen Fluss mit viel Wasser. Im Vergleich zur oft kargen Landschaft Ostanatoliens schien diese Gegend sehr fruchtbar.

Das Essen in Georgien war köstlich. Nach einem ganzen Monat in der Türkei (wovon ich alleine 12 Tage auf das eventuelle Iran-Visum wartete) genoss ich gleich in der nächstgelegenen Stadt ein leckeres Schweinefleisch, anstatt wie in der Türkei Döner und Kebap. Auch wurde ich von einigen Georgiern in diesem ersten Lokal zum Feiern ihres Nationalfeiertages zu selbst gemachten Wein und Tschatscha (=ein sehr starker georgischer Schnaps, der meist selbst gebrannt wird) eingeladen, was das Weiterradeln umso lustiger machte. Die Küche Georgiens zählte bereits zu Sowjetzeiten zu den besten der ganzen Sowjetunion. So gehören zu den typisch georgischen Gerichten neben Chatschapuri (=gebackenes Brot mit viel Käse gefüllt) und Lobio (=Rote-Bohnen-Suppe) die sehr leckeren Chinkali (Teigtaschen mit Hackfleischfüllung). Kulinarisch ging es mir hervorragend gut in Georgien und vor allem gab es gutes Bier, meist frisch gezapft.

Was die Gebäude betrifft, so sieht man in Georgien viele renovierungsbedürftige Gebäude, die noch aus alten Sowjetzeiten stammen. Aber genau dies macht auch den Charme Georgiens im Allgemeinen und der Hauptstadt Tiflis im Besonderen aus.

Bei Gori machte ich einen kuren Abstecher von der Hauptstraße in die Stadt hinein, um das umstrittene Stalin-Museum zu besichtigen. Umstritten ist es daher, weil dieses schon mal geschlossen werden sollte, aber dann trotzdem nicht geschlossen wurde. Das Museum befindet sich aus einem Grund in dieser Stadt: Gori ist die Geburtsstadt Stalins.

Beim Weiterfahren Richtung Tiflis, die Hauptstadt Georgiens, radelte ich entlang des Kleinen Kaukasus. Die autonome und völkerrechtlich umstrittene Region “Südostsetien” war nur einen Steinwurf von dieser Hauptstraße entfernt. Das Betreten von Südostsetien ist jedoch generell für Touristen genauso wie für Georgier nicht möglich.

In den Tagen in Tiflis, in denen ich auf das Aserbaidschan-Visum wartete, hatte ich sehr viel Spaß. Allgemein erlebte ich die Georgier als zürückhaltende, gegenüber Touristen fast schon schüchterne beziehungsweise uninteressierte Menschen.
Im Vergleich zur sehr offenen türkischen Bevölkerung war dies am Anfang etwas ungewöhnlich. Aber wenn man das Eis erst mal gebrochen hat, dann kann man dort gute Freunde finden.

Bei einer Stadtführung erfuhr ich, dass bereits zu Zeiten der Seidenstraße in Tiflis reger Handel betrieben wurde und so gibt es auch ein altes Handelsgebäude aus dieser Zeit. Tiflis lag an einer Kreuzung der Karawanenenstraßen vom Schwarzen Meer nach Persien, Indien und China und spielte so durchaus eine große Rolle.

Für die Bevölkerung Georgiens ist zwar nach meinem Eindruck die Religion nicht so wichtig, nichts desto trotz besuchte ich auch hier (wie zuvor in Kroatien, Griechenland und der Türkei) einen Gottesdienst der am meist verbreitetsten Religion in dem jeweiligen Land, um die Kultur des Landes besser verstehen zu können. In Georgien war dies die Georgisch-Orthodoxe Apostelkirche und ähnlich wie bei einem griechisch-orthodoxen Gottesdienst dauerte der Gottesdienst in der Regel sehr lange. So war es ganz normal, dass die Leute während des Gottesdienstes nach Belieben kommen und gehen und die Frauen tragen meistens ein Kopftuch in der Kirche, aber nicht außerhalb. Mein Eindruck war, dass es in Georgien einige sehr gläubige Menschen gibt, aber im Allgemeinen die Bevölkerung nicht so sehr religiös ist wie im Vergleich zur Türkei. Allerdings habe ich zufällig einen Pfarrer getroffen, der gerade ein neues Auto eines Paares mittleren Alters segnete. Auf Nachfragen fand ich heraus, dass dies in Georgien durchaus so üblich ist.

An Sehenswürdigkeiten hat Georgien vieles zu bieten: traumhaft schöne Natur, viele Burgen und Klöster, grüne Berglandschaften und gute Museen in Tiflis. Während ich immer noch auf das Visum für Aserbaidschan in Tiflis wartete, machte ich einen Tagesausflug nach Ananuri, wo sich eine Burg samt Kirche am Fluss Aragvi befindet. Die Wartezeit aufs Visum vertrieb ich mir mit meinem Radelpartner unter anderem auch mit einem Chinkali-Wettessen, was in der Türkei die Chillis waren, sind hier die mit Hackfleisch gefüllten Teigtaschen. Und was ich jedem der in Tiflis ist, wärmstens empfehlen kann, ist ein Besuch im Badehaus. Dieses wurde direkt über einer heißen Quelle errichtet und man kann sich dort für 20,- Georgische Lari (circa 9,- Euro) mit dem Heilwasser massieren und durchkneten lassen. Ich hatte einen sehr stämmigen und kräftigen Masseur, der die vom Radeln geschundenen Muskeln so richtig durchknetete, bis es fast schon schmerzte und ich fast von der Steinliege rutschte. Dann wurde meine Haut noch durchgeschrubbt, so dass ich nachher krebsrot war. Aber es war auf jeden Fall ein Erlebnis.

Nach Georgien geht es weiter nach Aserbaidschan, sofern ich das Visum bekomme. Abwarten.

Info:
Spenden können auf das Konto bei der Sparkasse Niederbayern-Mitte, Kontonummer 40463242, Bankleitzahl 74250000, Kontoinhaber Tibets Kinder im Exil e.V., überwiesen werden.

Informationen zur Reise und zur Spendenaktion gibt es auch unter
www.simon-schedlbauer.de
und
www.tibets-kinder-im-exil.de

Jan Gathmann

Über Jan Gathmann

Obwohl Jan Gathmann als Kind immer nur die Fahrräder seiner Cousins geerbt hat, entwickelte er schon damals eine Ader für das Radfahren – vielleicht lag es an der liebevollen Umgestaltung der Erbstücke durch den Vater. Als Chefredakteur gestaltet Jan Gathmann seit 2009 das RADtouren-Magazin mit. In dieser Zeit und in den Jahren zuvor als Technikredakteur saß er schon im Sattel von geschätzt über 600 Testrädern – bis jetzt ohne Verschleißerscheinungen. Am liebsten greift er (auch in der Freizeit) zum Rennlenker von Randonneuren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*