Durch Nordamerika, Etappe 1: Der Dalton Highway – von Prudhoe Bay nach Fairbanks

10 Tage / 785,36 km / Fahrtzeit: 61h 22min / 15.283 kcal / 9.495 Höhenmeter

Deadhorse, Prudhoe Bay liegt im Norden Alaskas am Polarmeer. Hier wurde in der 70er-Jahren ein riesiges Ölfeld entdeckt und daraufhin eine Pipeline von Deadhorse bis nach Valdez im Süden Alaskas gebaut. Die einzige Versorgungsstraße nach Deadhorse ist der Dalton Highway (von den Einheimischen auch „the Haul Road“ (Versorgungsstraße genannt), eine Kiesstraße von Fairbanks nach Deadhorse mitten durchs Nichts. Die Straße folgt hauptsächlich der Pipeline und geht damit quer übers Gebirge und nicht etwa durch Täler.

Gegen 17 Uhr abends am 1. August 2013 fuhren wir dann von Deadhorse los in Richtung Süden. Zu dieser Jahreszeit ist es oberhalb des Polarkreises noch 24 Stunden hell und so konnten wir bis spät in die Nacht fahren. Direkt hinter Deadhorse trafen wir auf einen anderen Fahrradfahrer aus Argentinien. Er wollte nach Argentinien zurücktrampen. Na dann mal Daumen hoch! Gerne hätten wir noch mehr geplaudert, aber die Schaar an Mücken um uns herum zwang uns mehr oder weniger zum Aufbruch. Noch nie hatten wir so viele Mücken auf einmal um uns herum gesehen! Die ersten 160 km waren meist flach und wir kamen gut voran als wir plötzlich einige Tiere vor uns entdeckten. Es waren so um die zehn Stück und wir konnten aus der Ferne nicht erkennen, ob es Bären waren. Da wir aber wussten, dass Bären eigentlich immer allein unterwegs sind, holten wir unser Teleobjektiv raus und erkannten eine Herde Büffel. Nach einer kurzen Fotosession, in der uns die Mücken wieder mal verrückt machten, ging es weiter und gegen 12 Uhr suchten wir uns einen Platz zum Zelten.

Nach gründlicher Inspektion nach Bärenspuren schlugen wir unser Zelt in einer kleinen Parkbucht neben dem Highway auf. Die Bärenbox mit unserem Essen versteckten wir einen Kilometer weiter im Gebüsch. Je weiter weg, desto besser, die Angst vor Bären war doch präsent. Am nächsten Tag ging es dann weiter, bis sich gegen Mittag die Landschaft veränderte. Die Straße schlängelte sich nun einige mit Gras bewachsene Hügel rauf und runter. Man hätte meinen können wir sind in den schottischen Highlands. Die Anstiege waren zwar kurz aber steil, meist um die neun bis zehn Prozent Steigung. Was wir nicht ahnten: Das sollte bis Fairbanks so bleiben!

Auch am dritten Tag ging es bergig und auf Schotter weiter. Die Trucks wirbelten mächtig Sand und Staub auf. Im Laufe des Tages hieß es dann für uns rauf auf den Pick up. 27 Kilometer Baustelle, da durften wir mit unseren Fahrrädern nicht durch. Also wurden unsere Räder auf die Ladefläche des Pilotautos, welches die Trucks sicher durch die Baustelle führt, verladen. Die Fahrerin erzählte uns von einem Campingplatz direkt hinter der Baustelle. Dort bauten wir unser Zelt direkt neben einem kleinen Gebirgsbach auf und stärkten uns für den nächsten Tag: Atigun Pass.

Heftiger Gegenwind machte uns am nächsten Tag zu schaffen, sodass die Durchschnittsgeschwindigkeit nur ca. neun bis zehn Stundenkilometer betrug und wir nur schleppend vorankamen. Abends erreichten wir den Atigun Pass, einen 1415 Meter hohen Gebirgspass in der Gebirgskette Brooks Range. Trotz ungeteerter, matschiger Straße, meterhohem Schnee im Winter und bis zu zwölf Prozent Steigung passieren regelmäßig Trucks mit bis zu 40 Tonnen diesen Pass. Hinter dem Pass übernachteten wir neben einem kleinen Flughafen für Buschflugzeuge, dem Chandelar Shelf Airport. Bereits beim Zeltaufbau begann es zu regnen.

Der nächste Morgen. Immer noch prasselten Regentropfen auf unser Zeltdach und wir entschlossen uns erstmal auf besseres Wetter zu warten. Gegen Mittag hörte es größtenteils auf zu regnen und wir fuhren los. Der Highway war zu einer Matschpiste geworden und bereits nach wenigen Metern waren wir von oben bis unten mit Schlamm bedeckt. Das Fahrrad hatte eine neue Farbe, matschbraun, und auch wir haben uns perfekt dem Farbton der Straße angepasst. Irgendwann waren die Zahnräder so mit Schlamm bedeckt, dass wir nicht mehr schalten konnten. Daher mussten wir erstmal unsere Fahrräder vom gröbsten Dreck befreien, denn immer noch gab es viele steile Anstiege zu bewältigen.

Nach ca. 50 km, dann endlich die Erlösung: eine frisch geteerte Straße! Nach einer weiteren kurzen Fahrt im Pilotauto durch die Baustelle, folgte eine angenehme Fahrt über den frisch geteerten Highway, größtenteils bergab oder flach. Endlich kamen wir mal schneller vorwärts! Kurze Zeit später, wir fuhren gerade einen Hang hinunter entdeckten wir weit vor uns etwas Dunkles auf der Straße umherlaufen. Wir dachten sofort an einen Bären und zückten schon unser Bärenspray, denn wer sollte hier sonst mitten in der Wildnis zu Fuß die Straße überqueren, weit ab von jeglicher Zivilisation. Langsam und den potenziellen Bären immer im Blickfeld fuhren wir weiter. Wir sahen einen Truck vorbeifahren ohne dass sich das Lebewesen bewegte. Das war nicht normal für ein Tier und wir erkannten wenig später wieder einmal eine Radfahrerin. Auch sie hielt uns zuerst für zwei Bären. Wir unterhielten uns mit ihr, als plötzlich wie aus dem Nichts ein Regenschauer auf uns niederprasselte, den wir so noch nie erlebt hatten. Innerhalb von Sekunden waren wir pitschnass und unsere Räder wieder sauber. 500 Meter weiter schien wieder die Sonne. Abends erreichten wir dann den Truck Stop Cold Foot, wo wir unseren Teller am Buffet voll machten und für 15 Dollar (!!!) eine warme Dusche bekamen.

Am sechsten Tag erreichten wir den Polarkreis. Ab hier gibt es keine Mitternachtssonne mehr. Dennoch war es bis ca. 12 Uhr abends recht hell. Außer dem Schild gibt es aber sonst nichts außer Berge und Wälder. Nebenan war ein kleiner Rastplatz mit ein paar Tischen und einer Feuerstelle. Hier übernachteten wir und trafen wieder auf unsere italienischen Freunde, zwei Radfahrer die wir bereits in Deadhorse und Cold Foot getroffen hatten. Am nächsten Morgen, wir machten gerade unsere Räder startklar, kam ein kleiner Tourbus mit Touristen. Ein roter Teppich wurde vor dem Schild ausgebreitet und jeder machte natürlich das typische Foto. Ob der mitgebrachte Kuchen am Polarkreis wirklich anders geschmeckt hat, man weiß es nicht. Wir sind dann auch bald aufgebrochen, da wir abends den Fluss Yukon erreichen wollten. In Cold Foot hatte uns ein Einheimischer verraten, dass die Strecke nach dem Polarkreis von den Truckern auch der „Rollercoaster“ (Achterbahn) genannt wird. Und ja es war buchstäblich eine Achterbahn, auch der Gefühle. Die Straße verläuft mitten durch die Berge, aber nicht etwa auf einem gleichbleibenden Level, sondern einfach über jeden Berg gerade drüber. Man fährt einen Kilometer steil bergauf und kurz danach wieder zwei Kilometer bergab, nur um dann wieder alles beim nächsten Hügel bergauf zu fahren. Die Steigungen waren dabei meist wieder zwischen acht und elf Prozent. Das zehrt an Kondition und Nerven! Einer dieser Berge hieß „beaver slide“ (Biberrutsche) und wir benötigten 1,5 Stunden für den Anstieg.

Vorbeifahrende Trucks hüllten uns in dichten Staub und zwangen uns meist zum Anhalten. Nach einigen Stunden Fahrt bemerkten wir, dass der Dämpfer von Caro’s Fahrrad ziemlich tief einsinkt, fast bis zum Anschlag. Das sah nicht gut aus und machte die Bergetappe noch anstrengender. Noch war aber Luft im Dämpfer und wir beeilten uns das Camp am Yukon zu erreichen.

Nach einem reichhaltigen Frühstück mit Pancakes und Kaffee (das ist fast wie Weihnachten) widmeten wir uns nochmal dem Dämpfer. Über Nacht war die komplette Luft entwichen und der Dämpfer ging bis zum Anschlag durch. So konnten wir nicht weiterfahren! Was nun? Unsere Panne erregte die Aufmerksamkeit einiger Leute und auch unsere italienischen Freunde diskutierten in der typischen Italienischen Art was zu tun sei. Sie schlugen vor den Dämpfer zu blockieren und so machten wir mit Riemen und jeder Menge Panzertape aus Caro’s Fully ein Hardtail. So konnten wir zumindest bis Fairbanks weiterfahren. Die Straße war seit dem Polarkreis wieder ungeteert und Caro spürte jetzt jeden Stein. Auch die Berge hörten nicht auf, immer noch ging es ständig steil bergauf und bergab, bis wir endlich an Tag 9 das Ende des Dalton Highways erreichten. Geschafft!!!

Von hier waren es nochmal 130 km bis Fairbanks auf dem Elliot Highway. Dieser ist zwar geteert, jedoch genauso bergig. Nach zwei Tagen erreichten wir dann Fairbanks. Dort trafen wir auf eine sehr nette Familie die uns zu sich einluden. Wir konnten in ihrem Camper übernachten und einen neuen Dämpfer besorgen. Ca. eine Woche mussten wir in Fairbanks bleiben, bis wir das Fahrrad reparieren und weiterfahren konnten.

Was man unbedingt wissen muss bevor man den Dalton Highway bezwingt:

  1. Man sagt zwar Alaska ist das Land der Bären, doch auf dem Dalton ist es eher das Land der Mücken. Nicht einen Bären haben wir unterwegs gesehen, doch die Schar an Mücken dort ist mit Deutschland unvergleichbar. Mückenspray und Kopfnetz sind unbedingt notwendig.
  2. Auch wenn wir keinen Bären gesehen haben, kann es zu einer Begegnung kommen. Daher unbedingt Bärenspray und einen Bärencontainer mitnehmen. Das Bärenspray kann man nicht im Flugzeug mitnehmen, gibt es aber in Deadhorse zu kaufen. Der Bärencontainer ist für Essen und Kosmetika und sollte ca. 500 m vom Zelt entfernt gelagert werden.
  3. Thema Essen: Den nächsten Supermarkt gibt es erst im 800 km entfernten Fairbanks. Zwar bekommt man in Cold Foot und am Yukon etwas zu Essen und Riegel zu kaufen, aber Nudeln, Reis oder ähnliches gibt es dort nicht.
  4. Wer glaubt, dass er 800 km lang allein durch die Wildnis radelt, irrt. Im Schnitt fährt mindestens alle 20 Minuten ein Truck oder Auto vorbei. Im Falle einer Panne ist man also nicht ganz der Wildnis ausgesetzt. Aber Vorsicht: Trucks haben immer Vorfahrt, besonders voll Beladene und in Bergauf Passagen.
  5. Thema Kommunikation: Während der kompletten Etappe von Deadhorse nach Fairbanks gibt es weder Handyempfang noch Internet. Telefonieren ist nur via Satellit möglich. Strom bekommt man hinter Atigun Pass,  Cold Foot und Yukon River Camp.

Bald geht die Reise weiter durch Kanada. Mehr Infos gibt es wieder unter:

www.biketour.tandemfliegen24.de

www.facebook.de/biketour2013

 

 

Jan Gathmann

Über Jan Gathmann

Obwohl Jan Gathmann als Kind immer nur die Fahrräder seiner Cousins geerbt hat, entwickelte er schon damals eine Ader für das Radfahren – vielleicht lag es an der liebevollen Umgestaltung der Erbstücke durch den Vater. Als Chefredakteur gestaltet Jan Gathmann seit 2009 das RADtouren-Magazin mit. In dieser Zeit und in den Jahren zuvor als Technikredakteur saß er schon im Sattel von geschätzt über 600 Testrädern – bis jetzt ohne Verschleißerscheinungen. Am liebsten greift er (auch in der Freizeit) zum Rennlenker von Randonneuren.

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