Radreise extrem über den Baikal – Experten-Tipps zum Radfahren bei Eis und Kälte

In RADtouren 1/13 berichten Waltraud Schultze und Andreas von Heßberg über ihre Extremreise über den zugefrorenen Baikalsee. Das Mountainbike-Expeditionsteam hat dabei Temperaturen unter minus 45 Grad Celsius getrotzt und ist über 1.000 Kilometer auf Eis geradelt. Die Diaschau oben zeigt Aufnahmen der verschiedenen Zustände von Eis, die die beiden Extremradler besonders faszinierend fanden.

0527_winter2011_baikal Foto: Schulze / von Heßberg

Ihre Tipps für das Radfahren im Winter bei Eiseskälte verraten sie hier. Wer die Reise über den Baikalsee in ganzer Pracht erleben will, sollte eine der Diaschauen besuchen, für die das Mountainbike Expeditionsteam den Long Distance Biker Award 2012 erhielt.

Tipps zum Radfahren bei Minusgraden

Unter minus 30 °C wird der Schutz vor der Kälte, vor Erfrierungen und Verletzungen sehr wichtig. Daher sind hier ein paar Tipps aus eigenen Erfahrungen von mehreren Aufenthalten in eisigen Temperaturen gegeben. Wichtig zu beachten ist, dass man vor allem dann friert wenn man (i) nicht genug gegessen hat, (ii) sich zu sehr körperlich verausgabt hat oder (iii) müde oder krank ist. Es ist daher äußerst wichtig, diese Faktoren vor allem durch umsichtiges Verhalten zu minimieren.
Das Atmen fällt bei extremen Minusgraden nicht nur schwerer, weil die kalte Luft im Rachen und in der Lunge brennt, sondern die kalte Luft kann die Lungenbläschen auch direkt schädigen. Eine Kälteschutzmaske empfehlen wir denjenigen, die unter minus 20 °C stark anstrengende Tätigkeiten bewältigen wollen. Bei leichten Tätigkeiten (beispielsweise langsames Radfahren auf dem Eis) ist eine Maske ab minus 30 °C notwendig und bei Temperaturen von unter minus 40 C gehört sie zur permanenten Grundausrüstung. Entscheidend ist auch der Grad der Adaption an die Kälte. Die Adaption ist in ungefähr nach 7 bis 10 Tagen weitestgehend erfolgt. In Sibirien haben wir bei minus 50 °C gesehen, dass einige der einheimischen Russen ihren Mund und Nase mit einem Schal schützen, andere aber allem Anschein auch ohne diesen Schutz auskommen. Wichtig ist die Beachtung des Chill-Faktors, dem windbedingten Auskühlungseffekt auf der Haut.

Wichtig bei tiefen Temperaturen ist die Benutzung eines Vapour Barrier Liners, der 0.5 bis 0.8 Liter Wasser, die man Nachts ausschwitzt, in Dampfform innerhalb auffängt und nicht in das Schlafsackmaterial weiterleitet. Nach dem Aufstehen sollte man sofort die Innenseite des Nylon-Inletts nach außen wenden und ausschütteln. Andernfalls kondensiert und friert die Schwitzfeuchtigkeit innerhalb des Inletts.

Schwitzen verbindet man in gemäßigten Temperaturen immer mit einer gewissen Duftnote. Das ist jedoch nicht so in der Kaltluft, wo die Buttersäure-produzierenden Bakterien nicht arbeiten. In der Arktis kommt man daher selbst viele Wochen (rein theoretisch ja sowieso) ohne eine Dusche aus. Der sich bildende Fettfilm auf der Haut schützt diese sogar zusätzlich vor Kälte und Sonnenbrand, den es auch in der Arktis schnell geben kann. Im Gesicht ist das Eincremen mit einer wasserfreien Creme (beispielsweise auf Bienenwachsbasis oder Fett) wichtig. Bewegungen (radfahren, laufen) sollten so ausgeführt werden, dass man kommplettes Nass-Schwitzen verhindert. Also langsam!

Frostbeulen sind nicht immer nur auf einen plötzlichen Kälteschock zurückzuführen. Sie können auch schleichend über viele Tage und Wochen entstehen, wenn das Gewebe lokal immer wieder unterkühlt wird und dadurch irgendwann geschädigt ist. Noch bevor eine wassergefüllte Frostbeule entsteht, sollte man mit Salbe behandeln, damit das Gewebe lokal stärker durchblutet wird. Eine vom Frost geschädigte Stelle nicht sofort zu stark aufwärmen, erst recht nicht mit heißem Wasser. Das Gewebe muss sich langsam wieder an eine höhere Temperatur gewöhnen. Biologisch gesehen ist eine Frostschädigung gleichbedeutend mit einer Verbrennung.
Kalte Finger, wenn man zum Beispiel beim Lageraufbau oder Kochen die Überhandschuhe ausziehen musste, sollte man sofort an warmen Körperstellen (Hals, Leistenregion, Bauch) aufwärmen. Handschuhe, die man nur kurz ausgezogen hat, stets unter der Jacke warmhalten.

Verletzungen (beispielsweise Schnittwunden), die der Kälte ausgesetzt sind, haben Probleme sich schnell zu schließen. In der Kälte ist die Wundregeneration stark verlangsamt. Das Regenerationsgewebe muss daher wenn möglich mit entsprechenden Salben und Mullbinden vor der Kälte geschützt werden. Bei tiefen Temperaturen ist die Wahrscheinlichkeit von Wundinfektionen geringer, weil die polare Kaltluft weniger Infektionskeime mit sich führt.

Der Umgang mit Flüssigkeiten erfordert bei tiefen Temperaturen immer besondere Vorsicht. Sowohl heißer Tee, als auch kaltes Wasser, und besonders das Benzin/Kerosin vom Kocher führen zu akuten Erfrierungen, sollten die Flüssigkeiten mit der Haut in Berührung kommen. Dabei ist das kalte Benzin/Kerosin durch die eigene Verdunstungskälte am gefährlichsten, denn bei Lufttemperaturen von minus 40 °C kommen noch einmal etwa 5 °C bis 10 °C Verdunstungskälte auf der Haut hinzu. Das Umfüllen von Tee in die Thermoskanne oder das Auffüllen der Brennstoff-Flasche sollte daher immer ohne Hektik und gut geübt sein, und nie ohne Handschuhe erfolgen. Die zu befüllende Flasche sollte immer stabil im Schnee stehen und nur mit einer Hand eingegossen werden – nicht mit der anderen Hand festhalten, und sich dann womöglich über die Finger gießen, wenn mal was daneben geht.
Nach der täglichen Schufterei bei Kälte und Wind ist das Kochen und Essen ein Akt der Entspannung, auch für denjenigen, der nur zuschaut. Zudem beugt eine gute Ernährung auch Erfrierungen vor. Trotzdem erfordert er bei tiefen Temperaturen eine gewisse Konzentration auf folgende Punkte: Metallgegenstände (Thermoskannen, Töpfe, Kocher, Messer, Werkzeug) nie mit nackten Händen anfasst, da das Metall sehr kalt sein kann und sofort unangenehme Erfrierungen entstehen können.

Stichpunkte zur Winterausrüstung

Wir verwendeten unsere bewährten Reiseräder, die für die Wintertour jedoch etwas modifiziert wurden:
Reifen: Schwalbe Ice Spiker pro 2.5“ mit 361 Alu-Carbid-Spikes pro Reifen
Hinterradbremse (V-Brake): wurde abmontiert und blieb zuhause, es war zu wenig Platz zwischen Bremszug und dem Spikesreifen. Die zweite Bremse haben wir auf der Tour auch nicht vermisst…
Schaltung: Rohloff-Nabe, mit Spül-Öl befüllt um die Schaltfähigkeit bei sehr tiefen Temperaturen zu gewährleisten.
Anhänger: Extrawheel Voyager für den Transport von volumigen, aber leichten Ausrüstungsgegenständen (z.B. Schlafsack, Daunenjacke). Andy bastelte noch einen Gepäckträger an den Anhänger und konnte so vier weitere Packtaschen montieren, Waltraud baute sich ein System mit Spanngurten zur Montage zweier Rackpacks.
Schlaufe am Rahmen zum Schieben und ziehen, die sich schon in Tibet bewährte.
Die verwendete Winter-Ausrüstung hatten wir im Wesentlichen schon komplett, und auf anderen Kälte-Touren oder in großer Höhe bereits verwendet (siehe auch Grönland-Tour, Tibet, Projekt 7000). Ein paar wichtige Überlegungen bezüglich der Ausrüstung waren:
Zelt: Winterzelt, sollte Snow-Flaps haben (z.B. Rejka Akjer). Standard-Zeltschnüre ausgetauscht gegen reißfeste Reepschnur.
Kocher: Expeditionstauglicher Kocher ist lebensnotwendig. Kocher sollte einfach (mit Handschuhen!) zu bedienen sein, und auch minderwertiges russisches Benzin verarbeiten können (z.B. Primus Multifuel EX). Die selbstgebaute Kochkiste erlaubte uns, gleichzeitig Eis zu schmelzen und zu kochen.
Thermoskanne: Um geschmolzenes Wasser tagsüber warm zu halten, verwendeten wir großvolumige (1.5L und 1.7L) Thermoskannen.
Fußbekleidung: Für uns hat sich bewährt, ohne Hartschalenstiefel unterwegs zu sein. Filzstiefel (z.B. russische walenki) oder Fellstiefel sind gut, weil die Fußsohle weich ist und daher der Fuß in Bewegung bleibt und weniger schnell kalt wird. Gute, feuchtigkeitsabweisende Untersocken und darüber warme Wollsocken haben unsere Füße gut warm gehalten.

Und: die Strecke der Radreise über den Baikal als Google Earth .kmz-Datei zum DOWNLOAD

Text/Fotos: Andreas von Heßberg, Waltraud Schulze

Jan Gathmann

Über Jan Gathmann

Obwohl Jan Gathmann als Kind immer nur die Fahrräder seiner Cousins geerbt hat, entwickelte er schon damals eine Ader für das Radfahren – vielleicht lag es an der liebevollen Umgestaltung der Erbstücke durch den Vater. Als Chefredakteur gestaltet Jan Gathmann seit 2009 das RADtouren-Magazin mit. In dieser Zeit und in den Jahren zuvor als Technikredakteur saß er schon im Sattel von geschätzt über 600 Testrädern – bis jetzt ohne Verschleißerscheinungen. Am liebsten greift er (auch in der Freizeit) zum Rennlenker von Randonneuren.

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