Kaufberatung Reiserad: Darauf sollten Sie achten, wenn sie ein Rad für die Reise suchen

Was ist ein gutes Reiserad? Und wieviel darf es kosten. Die Antworten finden Sie hier in unserer Kaufberatung. Sie ergänzte den Test von 11 aktuellen Reiserädern ab 1.200 Euro in RADtouren-Magazin 1/13.

Erstmals haben wir dabei bei einem Fahrradtest eine Bewertung nach Punkten in einzelnen Kategorien vorgenommen, die einen detaillierteren Vergleich der Räder erlaubt – und klar erkennbar macht, wenn zum Beispiel Testkandidaten trotz unterschiedlicher Endnoten für einen bestimmten Einsatzbereich dennoch gleich gut geeignet sind. Die Ergebnisse in der Übersicht finden Sie hier: Bewertung Reiseräder rt_0113 online

Kaufberatung: Was ist ein gutes Reiserad?

Ein Reiserad ist ein Rad, mit dem man auch mehrwöchige Touren unternehmen kann. Eine platte Weisheit mit wahrem Kern. So lange man die Sachen, die man braucht, unterbringt, kann alles ein Reiserad sein – vom Rennrad plus Anhänger für Highway-Touren über das mit Gepäckträger aufgerüstete MTB für die Erkundung der heimischen Wälder bis zum 8-Gang-Damen-Citybike für Flusstouren. Kurz: Es lohnt sich, genau über die eigenen Reisevorhaben nachzudenken.

Reiserad

Am Reiserad sorgen Gepäcktaschen vorne für einen günstigen Schwerpunkt. Foto: Gleitsmann

Deshalb sollten beim Kaufgespräch im Radladen die geplanten Touren ganz oben auf der Frageliste des Verkäufers stehen. Weil ein gutes Reiserad einen das ganze Leben begleiten kann, und weil man sicher lange Zeit am Stück in seinem Sattel verbringt, gilt für den Kauf: Beratung vor Ort und Probefahren sind ein Muss.

Wie Probefahren?
– lassen Sie sich das Rad vorher genau auf ihre Körpermaße und Sitzhaltung einstellen. Viele spezialisierte Reiseradhersteller sind Baukasten-Anbieter. Weil sie das passende Rad nach Wunsch aufbauen, kann man es nicht probefahren. Unbedingt empfehlenswert ist deshalb die Ermittlung der richtigen Sitzposition und Rahmenhöhe mit einem „Messrad“, wie es unter anderem Velotraum und Patria sowie manche Rahmenbauer anbieten.

– Bringen Sie ruhig eigene Packtaschen mit. Fahren Sie mit Beladung. Bei unseren Testfahrten zeigen sich dabei regelmäßig große Unterschiede. Auch, wie gut sich die Taschen mit ausreichend Fußfreiheit platzieren lassen, merken Sie sofort.

– Nehmen Sie sich Zeit. Vorbildlich ist, wenn der Verkäufer Ihnen einen Vorschlag für eine Testrunde machen kann.

Apropo Verkäufer: Wer im Radladen nach einem „Reiserad“ fragt, wird meist direkt zu einer bestimmten Radgattung geführt. Ein Indiz für Sachverstand ist, wenn sofort Räder mit einem sogenannten „Lowrider“ angesteuert werden, einem Gepäckträger für die Gabel. Denn: Ein Reiserad muss vor allem mit viel Gepäck gut umgehen können. Deshalb, und weil einseitige Beladung hinten die Fahreigenschaften stark verschlechtert, braucht das Reiserad für mehrwöchige Touren neben dem Gepäckträger den Lowrider. Denn ideal ist eine Lastenverteilung von einem Drittel vorne zu zwei Dritteln hinten. Ist der Lowrider nicht dran, sollte der Verkäufer eine Nachrüstmöglichkeit zumindest erwähnen – erkennbar an Ösen an den Gabeln.

Und was wiegen Sie?
Ein wichtiges Kaufkriterium, das im Gespräch gerne umschifft wird, ist das zulässige Geamtgewicht. Fragen Sie danach! Hiermit legt der Hersteller fest, was Rad, Fahrer und Gepäck zusammen wiegen dürfen. Überschreitet man die Grenze, entbindet das den Produzent von der Produkthaftung und Garantieleistung. Richtwert: Ein 90-Kilo-Fahrer braucht ein Rad mit 140-Kilo-Zulassung. Wer hohe Gesamtgewichte zulässt, hat in der Regel auch entsprechend belastbare Komponenten verbaut.

Stahl oder Alu?
„Stahl oder Aluminium?“ Über das Rahmenmaterial wird in Reiseradler-Foren viel diskutiert. Fakt ist: Stahl ist nachweislich nicht komfortabler. Die vielbeschworene Reparatur-Möglichkeit an jeder Ecke der Welt trifft nur auf dickwandige, unkonifizierte Rohre zu, wie sie nur noch an sehr günstigen Rädern zu finden sind. Solche Rohrsätze sind auch beim Transport weniger anfällig für Dellen. Tendenziell sind Alu-Rahmen fahrstabiler, weil der Werkstoff geradezu nach großen Rohrquerschnitten verlangt, die wiederum (auch bei Stahl) Stabilität bringen.

26 oder 28-Zoll?
Noch eine Grundatzfrage. 26-Zoll oder 28-Zoll-Laufräder? Weltumradler schwören auf 26-Zoll. Die stark strapazierten Laufräder sind durch den kleineren Durchmesser stabiler, die Auswahl bestimmter Zubehörteile (z. B. Federgabeln, Breitreifen) ist besser und Ersatzteile wie Reifen und Felgen sind weltweit leichter zu bekommen. Im direkten Vergleich trumpfen 28-Zoll-Räder im Bereich Komfort (Überrollverhalten) und Leichtlauf (großer Durchmesser) auf, während die 26-Zoller bei Beschleunigung (Gewicht) und Wendigkeit (kleiner Durchmesser) besonders punkten.

Was darf es kosten?
Die Qualität von Reiserädern ist in den letzten Jahren gestiegen. Unser Test zeigt: Schon für 1.200 Euro ist ein weltreisetaugliches mit Kettenschaltung zu haben. Je höher die zu erwartende Kilometerleistung – auch im Alltag – desto eher lohnt sich der Schritt in die wartungsarme Rohloff-Oberklasse, die schon bei 2.000 Euro beginnt.

Worauf achten bei den Komponenten

Gepäckträger und Lowrider: Hochwertige Modelle aus Stahl (Tubus) für Fernreisen sonst auch Alu (SL, Racktime) sind ein Muss. Vorne mindestens 10 kg, hinten mindestens 25 kg max. Zuladung. Wichtig: Der Träger sollte an eigenen Ösen und möglichst ohne Distanzhülsen montiert werden. In den Rahmen integrierte Modelle (Tout Terrain) sind besonders stabil. Bei Nutzung einer Federgabel sollte der Lowrider zur gefederten Masse gehören (z. B. Faiv Hoogar). Die Taschen sollten möglichst tief anzubringen sein (2. Packebene). Das verbessert den Schwerpunkt und damit die Fahrsicherheit.

Lenker: Sollte zugunsten guter Radkontrolle möglichst breit sein (mind. 580 mm) und genug Platz für die Montage von Zubehör (Lenkertasche, Tacho) bieten. Ergonomische Griffe (z. B. Ergon, SQ-Lab) bieten Komfort und Sicherheit, Lenkerhörnchen sorgen für mehr Griffpositionen und helfen bei bergigen Touren.

Laufräder: Stabilität und Haltbarkeit auf der einen, akzeptables Gewicht auf der anderen Seite sind gefragt. Das Rezept: Hochwertige Hohlkammerfelgen mit mindestens 32 Speichen und leicht laufende, gedichtete Naben (DT-Swiss, Shimano LX / XT) verwenden. Breite Reifen ab 47 mm sollten auf breiten Felgen sitzen.

Bremsen: Reiseradbremsen sollten viel Leistung und gute Dosierbarkeit bei geringem Wartungsaufwand besitzen. V-Brakes sind leicht und gut, besser und besonders wartungsarm sind hydraulische Felgenbremsen (z. B. Magura HS 11/HS 33). Noch eine Spur leistungsfähiger, vor allem bei Nässe, sind hydraulische Scheibenbremsen. Für schwere Fahrer sind große Bremsscheiben (200 mm) oder Gebirgstouren mit Gepäck ein Muss.

Reifen: Besonders wichtig: Top-Pannenschutz. Wenn das Gewicht nicht unbedingt zählt, am besten nach dem Motto „Masse“ (dicke Schutzeinlage aus Kautschuk) kaufen, ansonsten Klasse (Vectran- oder Kevlar-Gewebe) bevorzugen. Faltreifen sparen Gewicht und Platz (als Ersatzmantel). Dicke Reifen laufen leichter und sind komfortabler. Gute Allroundeigenschaften für Reisen auf gemischtem Terrain bieten Reifen mit einer glatten, leicht laufenden Mittelspur und griffigen Seitenstollen (z. B. Conti Travel-Contact, Schwalbe Marathon Extreme oder Cross).

Schaltung: Wichtig: Das Übersetzungsspektrum. 1,5 Meter als kleinste Entfaltung sind für Touren in gemischtem Terrain ratsam. Nabenschaltungen sind wegen ihrer Wartungsfreiheit, der Schaltmöglichkeit im Stand und der simplen Bedienung erste Wahl. Die Referenz ist die 14-Gang-Rohloff-Nabe, die bei Einhaltung des Ölwechsel-Services und hochwetiger Antriebskomponenten Laufleistungen um 20.000 Kilometer ohne Kettenwechsel möglich macht. Hochwertige Kettenschaltungen (z.b. Shimano LX / XT, SRAM X9) schalten etwas weicher unter Last, bieten einen breiteren Übersetzungsbereich. Sie verlangen circa alle 2.000 bis 3.000 Kilometer einen neuen Gliederstrang (circa 25 Euro). Für Reisen mit bergigen Abschnitten empfehlen sich große Ritzelpakete hinten (11 bis 34 Zähne) und MTB-Kurbeln vorne (44 – 32 – 22 Zähne).

Beleuchtung: Hell, wartungsarm und StVZO-konform. Ein guter, langlebiger Scheinwerfer mit LED-Leuchte und hoher Lichtleistung ab 40 Lux ermöglicht auch im Dunkeln eine sichere Reise. Fernreisende setzen hinten oft auf eine batteriebetriebene LED-Rückleuchte, das spart die empfindliche Kabelführung, entspricht aber nicht der Straßenverkehrsordnung.

Wetterschutz: Schutzbleche sollten möglichst breit und lang sein, einen ausreichend großen Abstand zum Reifen und für mehr Wetterschutz große Schmutzlappen als Abschlüsse haben.

Stoßdämpfung: Komfort ist besonders auf langen Reisen ein unschätzbarer Wert. Eine konsequent auf Gepäcktransport ausgelegte Vollfederung (Gepäck gehört zur gefederten Masse) bietet hier das Optimum. Viel bringt auch eine hochwertige Federgabel (mind. 60 mm Federweg), am besten mit Blockierfunktion (Lock-out), Stahlfedern und Öldämpfung (z. B. Magura, Marzocchi), und/oder eine auf das Fahrergewicht abgestimmte Federsattelstütze (z. B. Airwings, Cane-Creek). Wer auf zusätzliche wartungsintensive Komponenten am Rad verzichten will, sollte zu breiten Reifen (ab 47 mm) greifen, die kleinere Schläge abdämpfen.

Pedale
Möglichst großflächige Pedale mit Profil (Zacken, Stifte) oder noch besser Systempedale (z. B. Shimano PDM-324) mit fester Schuh-Pedal-Verbindung

Sattel
Vertrauen Sie nur Ihrem eigenen Gefühl. Fahren Sie den Sattel mindestens auf einer mehrtägigen Tour Probe. Viele Fernreisende schwören auf Ledersättel, deren größter Vorteil das gute Sitzklima ist. Sie müssen aber lange eingefahren werden.

Text: Jan Gathmann

Jan Gathmann

Über Jan Gathmann

Obwohl Jan Gathmann als Kind immer nur die Fahrräder seiner Cousins geerbt hat, entwickelte er schon damals eine Ader für das Radfahren – vielleicht lag es an der liebevollen Umgestaltung der Erbstücke durch den Vater. Als Chefredakteur gestaltet Jan Gathmann seit 2009 das RADtouren-Magazin mit. In dieser Zeit und in den Jahren zuvor als Technikredakteur saß er schon im Sattel von geschätzt über 600 Testrädern – bis jetzt ohne Verschleißerscheinungen. Am liebsten greift er (auch in der Freizeit) zum Rennlenker von Randonneuren.

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