Tipps zum Einsatz von Scheibenbremsen

In RADtouren 3/12 testen wir acht aktuelle Trekkingräder mit Scheibenbremse. Im Test und im Alltag der RADtouren-Redakteure beweist die Disk unbestreitbare Vorteile:

1) Sie verschleisst die Felge nicht. Das ist deshalb besonders gut, weil zu hoher unbemerkter Felgenverschleiß zum Felgenbruch führen kann, was wiederum im Extremfall eine Sturzgefahr bedeutet.

2) Sie bremst bei Nässe fast so gut wie bei Trockenheit (je nach Bremsbelag), immer am um Längen besser als Felgenbremsen.

3) Bremskraft und Dosierbarkeit sind deutlich besser bei angemessener Scheibengröße.

Bremsscheibe am Trekkingrad

Bremsscheibe am Trekkingrad: Die richtige Pflege ist wichtig. Foto: Gleitsmann

Stefan Pahl, Magura. Foto: privat

Neben den Vorzügen, gibt es natürlich auch Nachteile. Welche das sind, und wie man das Beste für sich aus dem System Scheibenbremse herausholt haben wir im Gespräch mit Experten geklärt, die wir hier noch einmal ausführlich zu Wort kommen lassen.
Den Anfang macht Stefan Pahl, Produktmanager Fahrrad bei Magura, der vor allem auf die Materialwahl und Pflege eingeht. Ausführlich auf das Pro und Kontra der Diskbremse für Trekkingradler geht Stefan Stiener hier ein. Die Interviews führte Yo Volkmar Rollenbeck.
Herr Pahl,Scheibenbremse oder Felgenbremse: was ist besser?
Mittlerweile sind beide Bremssysteme ausgereift. Mechanisch angesteuerte Bremsen, sprich mit Seilzug, leiden aber prinzipbedingt unter höherer Reibung, Verschleiss und schlechterer Dosierbarkeit als Hydraulikbremsen. Allerdings sind Felgenbremsen problemloser, was Wartung und Unterhalt und das Verständnis für das System angeht: Man kann leichter selbst Hand anlegen. Felgenbremsen sind am Markt generell bei City-/Trekkingrädern zu finden, wobei hier auch der Trend zu Scheibenbremsen geht.

Der Reibungspartner Felge ist immer wieder das Problem hört man.
Felge und Bremsbelag sind selten ideal gepaart. Hier gilt es, die richtigen Bremsbeläge für vorgegebene Felgen zu bestimmen. Das ist aber schwierig korrekt anzupassen, da die Felgenoberfläche je nach Material und Verschleissgrad sehr unterschiedlich sein kann. Magura bietet darum für verschiedene Felgenoberflächen vier Belagstypen an.

Wie steht es um die Verzögerungswerte der beiden Systeme?
Die Verzögerungswerte sind bei gleicher Handkraft bei Scheibenbremsen generell höher. Scheibenbremssysteme sind mit aufeinander abgestimmten Reibpartnern (Bremsscheibe und Bremsbelag) ausgestattet. Es verpufft wenig Energie in Schnittstellenbauteilen im Vergleich zu Felgenbremsen: Hier hängt die „Bremssteifigkeit“ immer von der Biegesteifigkeit von Rahmen und Gabel ab (die Befestigungssockel werden immer auseinander gedrückt).

Warum ist das Einbremsen bei Scheibenbremsen nötig?
Bei Scheibenbremsen muss eingebremst werden. Hierbei erfolgt eine mechanische und chemische Umwandlung im Belagsmaterial durch Hitze und Druckbeaufschlagung, der Belag „passt“ sich an die Scheibe an und umgekehrt. Das Einbremsenprozedere hängt vom Belagsmaterial und Bremsentyp ab, deswegen immer nach der jeweiligen Bedienungsanleitung der Bremse richten.

Wie lange hält denn ein Scheibenbremsen Belag?
Das kann nicht pauschal beantwortet werden, da es von vielen Faktoren beeinflusst wird. Belagshaltbarkeit ist abhängig von Belagsmaterial, Belagsgröße und –dicke (leicht nachmessbar!), Bremsscheibendurchmesser sowie Art der Bremsfläche – wenige Löcher führen in der Regel zu weniger Verschleiß. Natürlich spielen auch die Umgebungsbedingungen wie Temperatur, Nässe, Dreck und das Bremsverhalten eine Rolle, Dauerbremsungen etwa verkürzen die Lebensdauer.

Es gibt ja unterschiedliche Beläge, spielt das für Trekkingradler eine Rolle?

Metallische und Sinterbeläge haben meistens bessere Nassbremseigenschaften, bremsen nass sogar teilweise besser als trocken, was bei rutschigem Untergrund sogar zu brenzligen Situationen kommen kann. Dieser Typ weist auch weniger Verschleiss auf. Organische Beläge sind dafür meistens leiser, erzielen höhere Verzögerungswerte bei Trockenheit und haben einen geringeren Temperturleitkoeffizienten, was heißt, sie isolieren besser und bringen nicht so viel Hitze in das Bremssystem, ergo weniger Fading. Deshalb dürfen viele Bremsen gar nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen mit Sinter/Metallischen Belägen betrieben werden. Immer den Anweisungen des jeweiligen Herstellers folgen!

Stichwort Radreise: Kann man unterwegs Entlüften oder die Beläge wechseln, was ist zu beachten?
Beläge unterwegs wechseln sollte kein großes Problem darstellen, wenn die Verschleissgrenze der Beläge beachtet wurde und die Beläge einfach in der Zange fixiert werden, z.B. mit Magneten. Wenn über die Verschleissgrenze runtergebremst wird, z.B. bis aufs Trägerblech, kann es bei einigen System zu Problemen kommen, weil Luft ins System gelangt. Entlüften unterwegs sollte Profis mit entsprechendem Werkzeug und Wissen vorbehalten bleiben. Bremsen mit Mineralöl sind einfacher zu entlüften, da die Schutzausrüstung nicht so aufwändig ist. Eine gut funktionierende Bremse braucht in der Regel nicht entlüftet zu werden.

Welchen Einfluss hat die Scheibengrösse auf die Bremskraft und das Fading?
Die zu erzielende Bremskraft bei konstanter Handkraft steigt mehr oder weiniger linear mit dem Scheibendurchmesser, d.h. je größer die Scheibe, desto geringer die Handbremskraft bei gleicher Verzögerung. Größere Bremsscheiben kühlen besser ab, dadurch ist die Gefahr von Fading bei größeren Bremsscheiben geringer. Allerdings verziehen sich größere Scheiben leichter und neigen leichter zum Schleifen oder Klingeln in der Bremszange.

Wem empfehlen Sie welche Scheibengrösse für welches Gewicht und welche Einsatzzwecke?
Es gilt die generelle Regel: Je schwerer das Gesamtgewicht, je schneller gefahren wird und je größer das Gefälle, desto größer die Scheibendurchmesser. Einige Bremshersteller bieten auch verschiedene Bremsscheibentypen an. Hier immer die schwerere Bremsscheibe nehmen, das Temperaturverhalten ist besser.
Beim 26-Zoll-Laufrad sollten 180mm-Scheiben oder größere verwendet werden. Damit liegt man auf der sicheren Seite, vor allem wenn es mal steiler und länger bergab geht und/oder höheren Systemgewichte, z.B. Gepäck abgebremst werden sollen.

Weiterlesen Stefan Stiener über Pro und Kontra der Scheibenbremse.

Jan Gathmann

Über Jan Gathmann

Obwohl Jan Gathmann als Kind immer nur die Fahrräder seiner Cousins geerbt hat, entwickelte er schon damals eine Ader für das Radfahren – vielleicht lag es an der liebevollen Umgestaltung der Erbstücke durch den Vater. Als Chefredakteur gestaltet Jan Gathmann seit 2009 das RADtouren-Magazin mit. In dieser Zeit und in den Jahren zuvor als Technikredakteur saß er schon im Sattel von geschätzt über 600 Testrädern – bis jetzt ohne Verschleißerscheinungen. Am liebsten greift er (auch in der Freizeit) zum Rennlenker von Randonneuren.

Ein Gedanke zu “Tipps zum Einsatz von Scheibenbremsen

  1. Sehr interessant. Ich benutze gerade nur ein altes Rennrad, aber überlege mir seit lange, ein Trekkingrad zu kaufen, da es zweifellos praktischer für lange Strecken ist. Also Scheibenbremse wären das Erste, worauf ich achten würde. Vor allem bei Nässe merkt man sofort das Unterschied.

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