Fahrbericht: Hardo Wagner Randonneur mit Pinion und Riemen

Ein traditioneller Stahlrahmen, das Pinion-Getriebe mit Riemenantrieb und ein Rennlenker – geht das zusammen? Hardo Wagner tritt den Beweis mit einem Randonneur an.

Gar nicht so lange her – gemessen an 200 Jahren Fahrradgeschichte – da feierte man am Rennrad 10 Gänge als High-Tech. Aus dieser Zeit der Radhelden stammen auch Ritzelpakete, die bei 11 Zähnen anfangen und immer einen Zahn mehr zählen, bis die Kapazität der Schaltung erreicht ist, also zum Beispiel 11 bis 15 Zähne bieten. So eines habe ich letztens an einem Rennrad-Oldtimer entdeckt. Der Gedanke der Konstrukteure: Hauptsache kleine Gangsprünge für einen gleichmäßig (langsamen) Tretrythmus. Heute gilt für viele Hobbyradler ein großes Ritzel mit 32 Zähnen als Maß der Dinge, fast wie beim Trekkingrad. So kann man am Berg schnell Pedalieren. Der Nachteil jedoch ist, dass man zwangsläufig langsamer oder schneller nach dem Schalten tritt. Und manchmal will gar kein Gang so recht zum eigenen Tretstil passen. Das ärgert umso mehr, je länger man fährt.

Hardo Wagner Randonneur

Mit Packtaschen und auf unbfestigten Wegen ist der Randonneur in seiner Domäne. Bild: Gathmann

Deshalb ist es erst einmal per se ein Gewinn, wenn Hardo Wagner ein Reiserennrad mit Pinion 18-Gang-Getriebe aufbaut. Denn das Getriebe im Rahmen kann als eine der wenigen Lösungen ältere und neuere Rennradkultur vereinen: kleinste Gangsprünge und ein riesiges Übersetzungsspektrum für langes Bergauffahren mit Gepäck. Hinzu kommt der Rennlenker, der mit vier möglichen Griffpositionen geradezu ideal für lange Tage im Sattel ist. Allerdings wird sich mancher Langstreckenradler eine noch aufrechtere Sitzposition wünschen, als sie am Wagner Randonneur schon mit vielen Distanzstücken unter dem Vorbau erreicht wird. Der Lenker auf Sattelhöhe wäre ein guter Anfangspunkt. Sehr gut gelöst ist die dank eines teilbaren Lenkers die Schaltgriff-Montage. Der typische Pinion-Drehgriff findet dank eines teilbaren Alu-Lenkers der niederländischen Titanschmiede Van Nicholas am Oberlenker Platz. Der Lenker darf darum leider nur den wenig handschmeichelnden kleinen Durchmesser haben. Unterm Strich bietet diese Lösung dennoch den besten Kompromiss bei der ungewöhnlichen Integration des Pinion-Getriebes in einen Randonneur.

Das Pinion Getriebe im Stahlrahmen liefert gleichmäßige Gangsprünge. Bild: Gathmann

Das Pinion Getriebe im Stahlrahmen liefert gleichmäßige Gangsprünge. Bild: Gathmann

Gut gelöst hat Hardo Wagner, wo Stahlrahmen auf Basis eines Grundmodells nach Kundenwunsch aufgebaut werden, auch den Einbau des Riemenantriebs. Die Spannung des sauberen Antriebstranges erfolgt über schwenkbare Ausfall-Enden, die mit dicken Schrauben gut den hohen Antriebskräften aus dem Getriebe gewachsen sind. Hintergund: Nahezu die Kraft einer Tonne kann bei starkem Treten in leichten Gängen – etwa an sehr steilen Anstiegen – hier durch den Rahmen fließen. An unserem Testrad war ein Riemenantriebssystem der Firma Mitsuboshi montiert. Der schmalere Riemen hat tiefere Zähne und kann deshalb laut Hersteller mit wenig Spannung gefahren werden – während etwa das Gates-System sehr genau auf die richtige Betriebsspannung eingestellt werden muss, was weniger anwenderfreundlich ist. Allerdings konnte das System am Testrad das Versprechen nicht ganz einlösen. Es sprang bei geringer Spannung unter besagten Hochlastsituationen am Berg über. Wir erhöhten darauf die Spannung nach Gefühl, was bei dem System zulässig ist, und das Problem war beseitigt.

Das "Wagner" Emblem am Steuerrohr ist aus Silber. Bild: Gathmann

Das „Wagner“ Emblem am Steuerrohr ist aus Silber. Bild: Gathmann

Ansonsten gefiel der Riemenantrieb mit einem flüsterleisen Lauf über die gesamte Testdistanz von 200 km unter allen Bedingungen, was ebenso gut zum Charakter des Rades passt wie der geringe Pflegebedarf zum Sorglos-Pinion-Getriebe. Das Hardo Wagner zeigte einen sehr ruhigen Geradeauslauf. Alles ist drauf eingestellt, geräuschlos durch schöne Landschaften zu gleiten.

Das Rad selbst hat ebenfalls das Zeug zur Augenweide. An unserem Rahmen- und Gabelset schauten wir auf klarlackierten Stahl. An den Verbindungen der dreifach konifizierten Hauptrohre, schienen fein gezogene Lötstellen hervor. Auch das Lichtkabel verläuft weitghend geschützt im Rahmen und durch den Träger. Man kann es als Zeichen von Stolz auf die Rahmenbaufertigkeiten werten, dass vorne ein „W“ aus Silber am Steurrohr prangt. Dass 10 Jahre Garantie auf den Rahmen gewährt werden, ist ein handfester Beleg dafür.

Brooks Ledersattel und Lederlenkerband stehen dem traditionellen Stahlrahmen gut. Bild: Gathmann

Brooks Ledersattel und Lederlenkerband stehen dem traditionellen Stahlrahmen gut. Bild: Gathmann

Doch zurück zum Fahren: Obwohl dieser Randonneur mit stattlichen 15,2 kg eher zu schwereren Sorte gehört, macht schnellere Bewegung noch Spaß. Der Wagner lässt sich – für ein reisetaugliches Rennrad – willig in die Kurven legen und bereitet auf winkligen Wegen Freude. Den Wegen darf ruhig auch mal der Asphaltbelag fehlen. Die montierten Schalbe G-One-Reifen bieten auf Kieswegen und anderen festen Wegdecken ordentliche Traktion. Gleichzeitig macht ihr geringes Gewicht gefühlt das Beschleunigen leicht. Für häufien Alltagseinsatz oder Reisen über die ganz lange Distanz würden wir andere Reifen mit mehr Gummi auf der Lauffläche wählen, beziehunsgweise gleich einen insgesamt robusteren Laufradsatz als die eher Sporttouren orientierte Variante mit Mavic-Felgen am Rad konfigurieren lassen. Auch breitere Reifen passen in Hinterbau und Gabel – in der Größe 650B locker bis 47 mm Breite, dann allerdings ohne Schutzbleche. Die montierten Curana-Radschützer hätten längere Befestigungsstreben verdient. So fiel der Raum zum Hinterrad nach der Riemenspannung zu knapp aus.

Die Tektro Spyre-Scheibenbremse mit 180 mm-Scheibe vorne ist ausreichend kräftig und standfest für Fahrten mit Reisegepäck in den Bergen. Bild: Gathmann

Die Tektro Spyre-Scheibenbremse mit 180 mm-Scheibe vorne ist ausreichend kräftig und standfest für Fahrten mit Reisegepäck in den Bergen. Bild: Gathmann

Stichwort Reisen: Der Rahmen und die Gabel bietet alle nötigen Ösen, um Gepäckträger für Fernreisen vorne und hinten einfach zu montieren – für die Gabel greift Hardo Wagner auf ein „customisiertes“ Surly Modell zurück. Vorteil: Sie besitzt außerdem Anlötteile für eim Porteur-Gepäckträger oberhalb der Gabelkrone. Auf dem Tubus Logo Titan Gepäckträger am Testrad ließen sich Packtaschen leicht mit ausreichend Freiheit zu den Fersen anbringen. Die Fahreigenschaften mit Gepäck sind typisch Stahlrahmen der eher filigraneren Diamant-Bauart: sicher, aber bei schnellen Spurwechseln macht sich das Gewicht schon bemerkbar. Lob gab es für die gut zu dosierenden, recht kräftigen mechanischen Tektro Spyre Bremsen. Auch die Lichtanlage mit designmäßg passendem b+m IQ-X Scheinwerfer, gespeist von einem SON-Dynamo, lässt nichts zu wünschen übrig und bietet die nötige Lichtausbeute für schnelles Touren auf unbeleuchteten Straßen.

Der Mitsuboshi Riemen greift tiefer in die Riemenscheibe. Er ist etwas schmaler als Pendants anderer Hersteller, wirkt aber auch nicht ganz so direkt im Antritt. Auf der Langstrecke stört das gar nicht. Bild: Gathmann

Der Mitsuboshi Riemen greift tiefer in die Riemenscheibe. Er ist etwas schmaler als Pendants anderer Hersteller, wirkt aber auch nicht ganz so direkt im Antritt. Auf der Langstrecke stört das gar nicht. Bild: Gathmann

Fazit:

Der Hardo Wagner Randonneur mit Pinion P 1.18 ist zunächst ein Ästhethik-und Technik-Leckerbissen für die Freunde klassicher Rahmenbautradition. Das und die individuelle Fertigung rechtfertigt einen Teil des doch recht hohen Preises. Dass Geometrie und Fahrverhalten für viele Einsatzbedingungen passen und es nicht soviele Stahlrandonneure mit gelungener P 1.18-Integration gibt, macht die Entscheidung etwas leichter. Wer vom sportlichen Radfahren kommt, wird die optimalen Gangsprünge des Pinion-Getriebes auf Reisen lieben lernen.

Verarbeitung und Ausstattung qualifizieren das Hardo Wagner als ein Rad für ein langes Leben.Um sich über das genaue Set-up für die gewünschten Haupteinsatzbedingungen klar zu werden, lohnt es sich, deshalb die dem Vernehmen nach ausführliche Beratung bei Hardo Wagner in Anspruch zu nehmen.

TECHNISCHE DATEN

Hardo Wagner Trekking 28, 4.480 Euro: Randonneur mit 18-Gang Pinion-Schaltung und Riemenantrieb; Rahmen: Columbus Stahl; Größen: 53, 56, 59, 62 cm; Radstand: 1.065 mm ; Gabel: CrMo-Stahl, doppelte Lowriderösen; Gewicht: 15,24 kg (gewogen inkl. Pedale); Schaltung: Pinion P1.18 18-Gang-Getriebeschaltung, Antrieb: Mitsuboshi Riemen auf Haberstock Riemenscheiben, 21 Z. hinten, Bremsen: Tektro Spyre mechanische Scheibenbremsen 180/160 mm; Kurbel: Pinion, 175 mm, 28 Z.; Entfaltung: 1,59 – 9,99 m / Pedalumdrehung; Naben: SON 28 Nabendynamo / P.O.G.; Felgen: Mavic A319, 622x19c, Alu; Reifen: Schwalbe G-One 35-622; Licht: b&m IQ-X / SON; Lenker: Van Nicholas, teilbar, 420 mm; Vorbau: Thomson, Alu, Griffe: Brooks Lederlenkerband; Ständer: Hebie Hinterbauständer; Gepäckträger: Tubus Carry, Titan (2 Ebenen, max. 30 kg); Sattel: Brooks Swift; Garantie Rahmen: 10 Jahre; Besonderheiten: gemuffter Stahlrahmen, 1 Flaschenhalter + 1 Paar Ösen, Curana-Schutzbleche. hardo-wagner.de

BEWERTUNG

Einsatzbereich

Radreise: 9 von 10
City/Alltag: 8 von 10
Fitness: 10 von 10
Gelände: 6 von 10

Bewertung
Fahrleistung: 8 von 10
Komfort: 7 von 10
Ausstattung/Verarbeitung: 10 von 10
Preis/Leistung: 6 von 10

Testurteil: sehr gut

Jan Gathmann

Über Jan Gathmann

Obwohl Jan Gathmann als Kind immer nur die Fahrräder seiner Cousins geerbt hat, entwickelte er schon damals eine Ader für das Radfahren – vielleicht lag es an der liebevollen Umgestaltung der Erbstücke durch den Vater. Als Chefredakteur gestaltet Jan Gathmann seit 2009 das RADtouren-Magazin mit. In dieser Zeit und in den Jahren zuvor als Technikredakteur saß er schon im Sattel von geschätzt über 600 Testrädern – bis jetzt ohne Verschleißerscheinungen. Am liebsten greift er (auch in der Freizeit) zum Rennlenker von Randonneuren.

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