Du bestimmst, was passiert: „Rad und Raus“ von Gunnar Fehlau

Viel Lesestoff für kurze Ausflüge: Mikroabenteuer und Bikepacking sind die Rahmenthemen von Gunnar Fehlaus 160 Seiten starkem Ratgeber für den Kurztrip auf dem Fahrrad.

Ja, die Idee des Mikroabenteuers fasziniert auf Anhieb: nicht auf den Urlaub warten, sondern um Fünf nach Büroschluss das Rad schnappen, irgendwo in der Wildnis übernachten und am nächsten Morgen um Neun wieder auf der Büromatte stehen, kurz: five-to-nine. Kann man auch für mehrere Tage machen. Dazu präsentiert uns die Outdoor-Industrie eine neue Ausrüstungswelle: Bikepacking. Reiseräder und Gepäckträger sind out, jetzt wird alles direkt ans Mountainbike oder Gavelbike geschnallt. Und Gunnar zeigt uns, wie es geht.

Buch, Gunnar Fehlau,

Wie man sein Rad packt und schnell dem Alltag entflieht, probiert Gunnar Fehlau am liebsten selbst aus. Bild: Delius Klasing Verlag

Man könnte das handliche Büchlein auch ¨Gunnars kleine Fahrradfibel¨ nennen, denn die meisten dieser schon fast unerschöpflichen Hinweise und Ratschläge taugen ebenso für die kleine oder große Radreise. Tausend Ausrüstungstipps, viel zur Technik, aber vor allem auch Inspiration zum ganz individuellen Abenteuer, das ist die Essenz dieses Werkes.

Selbst alte Reiseradler finden hier noch neue Tipps, und Gunnar ermuntert zu erfreulichen Freiheiten (¨Kuscheltier ist immer dabei¨). Gnadenlos offenherzige Binsenweisheiten (¨Nimm kein Arschloch mit!¨ „Dont eat the yellow snow!“) mischen sich mit neuen Erkenntnissen wie dem Thunfischdosengrill (einfach die Dose aufs Feuer und mit dem Öl heizen) oder Gummibärchen als Verpflegung bei Minusgraden. Lebensnahe Tourenfotos statt studiokalter Produktaufnahmen garnieren die kurzweiligen Abschnitte. Auf jeden Fall ist sein Buch beste Lektüre für die Vorweihnachtszeit, denn hier findet man tausend Präsent-Ideen für den Rad-Nerd. Empfehlenswert wäre obendrein, das Buch am PC zu lesen, dann kann man die zahlreichen Produkthinweise sofort nachschlagen.

Sehr hilfreich: Gunnar liefert stets konkrete Produktempfehlungen bis zu Nerd-News wie einen Karabinerhaken als Feuerzeug, unterschiedlichen mobilen Espressobrühern oder der 14 Gramm-Titanschaufel, um eigene Geschäfte zu verbergen. Zur echten Bereicherung hat sich die Taschenszene entwickelt: Schon erstaunlich, wieviele unterschiedliche Verstaubehältnisse es inzwischen fürs Rad gibt – von der Vorbautasche bis zum Unterrohrbierbeutel. Aber auch die Selfmadetipps wie angespitzte Stäbchen vom China-Imbiss als Zelthering oder eine alte Sprühdose zum Kocher umzubauen sind spannend. Fehlt eigentlich nur noch der Tipp, wie man mit Luftpumpe und Ersatzspeiche das Bikerblasrohr baut und einen Elch erlegt. Gunnar gewährt aber auch Gnade und bewahrt uns vor dem absoluten Survival-Hype wie Würmersnacks oder russischem Pilzroulette. Irgendwann kommt das Gefühl auf: Wenn man die ganzen Ausrüstungstipps berücksichtigt, sollte man über einen Anhänger nachdenken, sonst wird die Maximalzuladung des Rades überschritten. Aber dann bleibt der Tipp auf Seite 93: Zwei Schlauchschellen, ein Stock, und der Rahmenbruch ist vergessen. Für komplexere Themen (wie Smartphone oder GPS-Gerät) ist der Raum dann doch etwas knapp, um wirklich sinnvolle Beratung zu leisten.

Die neue Art der Gepäckverteilung am Rad muss man mögen – ich persönlich kann mich so gar nicht mit der dicken Schlafsackrolle am Lenker und dem Lämmerschwanzbeutel an der Sattelstütze anfreunden, das ist alles andere als „schwerpunktgünstige Minimalausrüstung“. Ich freue mich nach wie vor über einen Gepäckträger, auch am MTB-Hardtail, denn der erlaubt mir leichtes Lenken und freien Rücken.

Braucht es wirklich eine Übernachtung in der zivilen Wildnis für ein Mikroabenteuer?

Bleiben ein paar Glaubensfragen. Braucht es wirklich eine Übernachtung in der zivilen Wildnis für ein Mikroabenteuer? Nein, es kann auch ein „Novernighter“ sein, also five-to-twelve-and-back-home. Draußen schlafen und erst recht Lagerfeuern ist rechtlich auch gar nicht so unproblematisch, wie das Kapitel „Standortwahl“ erläutert. „Kein Microadventure ohne Feuer“ finde ich als bekennender Pyrophiler prima, traue mich aber häufig nicht. Und die Vorstellung, dass sich jetzt alle Kölner, Berliner und Münchner in das nächste Waldstück legen, irgendwo ein Lagerfeuer anzünden und das Unterholz durchlöchern, dürfte so ziemlich der Horror jedes Försters sein.

Ja, das Buch hat mich auch persönlich weitergebracht. Ich werde mich demnächst als bekennender Softernighter oder Nanoabenteurer outen. Denn eigentlich will ich gar nicht das ganze Übernachtungs- und Kochgerödel mitschleppen, sondern eine locker-sportliche Radrunde drehen. Über HRS kann ich mir auch noch kurz nach Fünf ein freies Bett für den Abend buchen. Rotwein, Brot und Käse eingepackt, fertig ist das Picknick draußen. Gern auch mit Lagerfeuer, dann darf ich auch rußgeschwärzt ins Hotel gehen und mir vielleicht dort die Schuhe unters Kopfkissen packen, um noch ein wenig Overnighter-Feeling mitzunehmen. Ich persönlich bevorzuge auch fließendes Wasser statt Genitalwäsche mit Babyfeuchttüchern. Doch- vielleicht mache ich mich jetzt häufiger auf als vorher.

Das Mikroabenteuer findet im Kopf statt.

Das Mikroabenteuer findet im Kopf statt. Und so reicht die Befreiung vom Alltag als Argument für das bestandene Abenteuer, dessen Dimensionen sowieso jenseits der Multivisionsshows liegen. Die ganz persönliche Herausforderung zu finden, ist die Kunst. Und dazu gibt uns Gunnar jede Menge praktische Tipps. Die fundamentale Botschaft lautet: Es geht! Trau Dich! Mach einfach!

Wenn man Gunnar fragen würde, ob man sein Buch wirklich für ein Mikroabenteuer braucht, würde er wahrscheinlich sagen „Natürlich nicht – fahr einfach los!“. Ich finde es klasse und kann es nur jedem empfehlen, der irgendwie Sinn für Fahrrad und Draußensein hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*