Dauertest: Shimano 105 am Reise-Rennrad

Elffach am Reiserenner? Shimanos Komplettgruppe 105 mit 2×11 Gängen und hydraulischen Scheibenbremsen im RADtouren-Dauertest.

Man könnte es kurz machen: Keine besonderen Vorkommnisse. Damit wäre mit drei Wörtern hinreichend beschrieben, wie sich Shimanos nun nicht mehr ganz taufrische 105er-Kompaktschaltgruppe mit elf Ritzeln und hydraulischer Scheibenbremse im Dauertest schlug: 3.000 Fahrkilometer auf Radreisen und Alltagsfahrten zwischen Nordsee und dem Golf von Biskaya, dazu ein paar Ausflüge bei Matschwetter ins Gelände. Die 105 verrichtete ihre Arbeit stets unauffällig und zuverlässig – so wie man das schon von den Vorgängermodellen gewohnt war. Das gilt sowohl für die Schaltkomponenten wie auch für die hydraulischen Discbremsen: Keine Ausfälle, kein vorzeitiger Verschleiß, kurzum das Ergebnis bestätigt das Image des Shimano-Klassiker als robustes Arbeitstier, dessen wesentliche Unterschiede zu den Spitzengruppen Dura Ace und Ultegra vor allem im Gewicht und und im Preis liegen.

Shimano 105, Dauertest

Randonneur mit Shimano 105 im Pendeleinsatz. Bild: Patrick Kunkel

Alles im grünen Bereich also. Aber geht es noch etwas genauer? Wir haben die Schaltung in unterschiedlichsten Fahrsituationen ausprobiert und uns ausführlich angeschaut, ob die die 2x11fach-Kombination nicht nur am Pendlerrad oder am Crosser, sondern auch auf langen Radreisen mit Gepäck durchs Gebirge überhaupt Sinn macht. Weitere wichtige Frage war: Wie schlägt sich die hydraulische Discbremse auf langen Touren, insbesondere auf Abfahrten in den Bergen? Und wir wollten wissen, ob die 105-Gruppe auch dauerhaft so gut funktioniert wie auf den ersten 500 Kilometern . . .

Montage:
Montiert wurde die Gruppe (50/34 vorne und 11-32 Ritzel) an ein Poison Cyclocross-Rahmen aus Stahl – so konnten wir je nach Bedarf Gepäckträger und Lowrider an- und abschrauben, um mal mit Packtaschen zu fahren, mal im leichten Setup eine Crosstour durchs Gelände zu unternehmen. Um die Wartung unkompliziert zu halten, legten wir Wert auf eine klassische, außenliegende Zugverlegung. Die korrekte Montage und Einstellung von Bremsen, Bremsleitungen und Bremsschalthebeln verlief unproblematisch – wer einmal eine Discbremse am MTB montiert hat, sollte keine Probleme haben, allerdings mussten wir beim Entlüften etwas Geduld aufbringen, bis sich ein annehmbarer Druckpunkt einstellte. Die fehlerfreie Einstellung der Schaltung war ebenfalls völlig unproblematisch.
Zum direkten Vergleich des Schaltverhaltens haben wir für die langen Bergtouren ein zweites Rad aufgebaut: Auf Basis eines (etwas leichteren) Stahl-Cyclocrossrahmens von Cotic wurde die Vorgängerschaltgruppe, also eine noch nicht benutzte Shimano 105 mit 2x10fach-Antrieb (50/34; 11-32) und Cantileverbremsen montiert – wobei die Testfahrer unterwegs regelmäßig die Räder wechselten.

Übersetzung und Schalten:

Dank der breiter abgestuften Ritzelpakete lassen sich rein rechnerisch auch mit 2×11-fach komfortable, bergtaugliche Schaltumfänge erreichen: 428 Prozent  ermöglichen auch Hochgebirgstouren, allerdings nicht mit schwerem Gepäck. Genau dies bestätigte sich auch unterwegs: Wir waren nie mit mehr als 12 Kilo Zuladung unterwegs, Touren auf die höchsten Gipfel der Vogesen und des Schwarzwalds waren mit der zur Verfügung stehenden Übersetzung kein Problem. Erwartungsgemäß stießen wir an längeren sehr steilen Stücken an Grenzen, in seltenen Ausnahmefällen (steilen Stichen) haben wir uns eine Dreifachkurbel gewünscht. Gegenüber dem 2x10fach-Vergleichsrad machten sich die feineren Abstufungen der Ritzel sehr positiv bemerkbar, zudem waren die Schaltvorgänge der neuen 105 über den gesamten Bereich präziser und vor allem leichtgängiger als die der Vorgängergeneration. Von der Top-Gruppe Dura-Ace hat der neue 105-Umwerfer den längeren Hebelarm übernommen, auch hier fällt der etwas geringere Kraftaufwand beim Schalten auf. Gegenüber einem Dreifachantrieb ist das deutlich niedrigere Gewicht ein Pluspunkt. Leider ist für die 105 ab dieser Generation keine Dreifachkurbel mehr erhältlich, mit der Tiagra bietet Shimano zwar nach wie vor eine 3x10fach-Variante an, die neuen hydraulischen Scheibenbremhebel auf Tiagra-Niveau sind allerdings ebenfalls nur für 2 Kettenblätter erhältlich.

Fazit: Sowohl 2x10fach als auch 2x11fach schalteten trotz minimaler Pflege und Wartung über die gesamte Zeit perfekt, die Gänge rasten auch nach 3000 km noch präzise ein. Die Schaltvorgänge der 11fach-Gruppe sind aber deutlich leichtgängiger und einen Tick präziser. Größter Vorteil sind die feineren Abstufungen der Ritzel, was vor allem für FahrerInnen, die ans Rennrad gewohnt sind, ein Vorteil ist.

Ritzelpkatet: Enger abgestufte Gänge sind der Vorteil gegenüber dem 10-fach-Ensemble, das wir ebenalls testeten. Bild: Kunkel

Ritzelpaket: Enger abgestufte Gänge sind der Vorteil gegenüber dem 10-fach-Ensemble, das wir ebenfalls testeten. Bild: Kunkel

Ergonomie und Bremsverhalten:

Die Bremsschalthebel und hydraulischen Scheibenbremsen ermöglichen es, die vielfältigen Griffpositionen des Rennlenkers sowie den Schaltkomfort von STI-Hebeln mit überragender Bremskraft hydraulischer Discbremsen zu kombinieren. Endlich! Die STI-Hebel ST-RS505 wirken zwar aufgrund des integrierten Mineralöl-Reservoirs größer als ihre Pendants für mechanische Bremsen, manche empfinden sie sogar als klobig. In Wahrheit zeichnen sie sich aber durch viel kompaktere Abmessungen aus, dank eines um mehr als 2,5 Zentimeter geringeren Umfangs als die Vorgänger greift man deutlich entspannter und kontrollierter. Das noch oben ragende Reservoir ermöglicht sogar eine weitere Griffposition auf den Höckern. Die um 10 mm in der Griffweite einstellbaren Hebel lassen zudem eine individuelle Einstellung und damit auch für kleinere Hände ein besseres Handling zu. Am Bremsverhalten gab es nichts zu beanstanden: Die Bremsen haben stets zuverlässig und punktgenau zugepackt – sowohl in den Bergen als auch im Stadtverkehr und im Gelände sowie bei sämtlichen Witterungsbedingungen. Und zwar ohne nerviges Stottern noch Bremsscheibenschleifen. Insbesondere bei langen Bergabfahrten zeigte sich  keinerlei Verlust der Bremskraft, die gerippten Bremsbeläge in Kombination mit den Ice-Tech-Bremsscheiben scheinen die beim Bremsen entstehende Wärme – jedenfalls in unseren Testsituationen – stets ausreichend effizient abzuführen. Tester, Fahrrad und Gepäck wogen dabei auf Reisen zusammen maximal 105 kg.

Der Oberlenker bleibt frei. Zusatzbremsshebel gibt es für hydraulische Scheibenbremsanlagen nicht. Bild: Kunkel.

Der Oberlenker bleibt frei. Zusatzbremsshebel gibt es für hydraulische Scheibenbremsanlagen nicht. Bild: Kunkel.

Verschleiß

Die Lager des zur Gruppe gehörenden Hollowtech II Tretlagers liefen auch nach 3000 Kilometern und diversen Schlamm- und Schlechtwetterfahrten noch sauber und ohne Spiel. Ein Kettenwechsel war nach der im Testzeitraum zurückgelegten Distanz gerade noch nicht nötig. Ritzel und Kettenblätter zeigten keinen nennenswerten Verschleiß. Die Schaltzüge blieben leichtgängig. Das hydraulische System der Scheibenbremsen musste nicht gewartet/entlüftet werden. Die Bremsscheiben neigten bei Nässe zum Quietschen. Die Bremsbeläge hatten noch nicht die Verschleißgrenze erreicht.

Die Shimano 105-Gruppe der aktuellen Generation sorgte für entspanntes Reisen. Bild: Kunkel.

Die Shimano 105-Gruppe der aktuellen Generation sorgte für entspanntes Reisen. Bild: Kunkel.

Fazit
Elf gewinnt? Für schnelle Reiseradler, das Stadtrad oder einen Crosser ist unser Fazit klar: Ja, elf gewinnt. Einem ähnlichen Verschleiß wie die alte 2x10fach-Gruppe stehen ein breiteres Gangspektrum, besserer Ergonomie und smartes Schaltverhalten gegenüber. Das macht Shimanos robustes und langlebiges Arbeitstier auch in der 2x11fach-Variante für sportliche Bergradreisen mit einem Randonneur interessant. Das Salz in der Suppe ist jedoch die hydraulische Scheibenbremse: Wenn schon der Wechsel, dann unbedingt mit Disc!


Infos zur Shimano 105 2×11-Gruppe

 Finanziell erschwinglich, denn die 105 bietet seit jeher das beste Preis-Leistungs-Verhältnis auf dem Markt und setzt dies auch in die Gegenwart hinein fort.

Eine 2x11fach-Komplettgruppe mit Dual-Pivot Rennrad-Felgenbremsen ist bereits für etwa 400 Euro zu haben. Die Komplettgruppe mit hydraulischen Bremsen und passenden STI-Hebeln kostet im Handel ca. zwischen 800 bis 1000 Euro – im Dauertest wollten wir ergründen, ob sich der Mehrpreis lohnt. Die Preise im einzelnen:

Schalt-/Bremshebel-Paar ST-RS505        ca. 579,95 €

Bremsscheiben SM-RT86                            ca. 41,95 € (pro Stück)

Schaltwerk RD-5800                                      ca. 57,95 €

Umwerfer FD-5800                                        ca. 36,95 €

Innenlager BB-R60                                         ca. 20,95 €

Kurbelgarnitur FC-5800                                ca. 164,95 €

Kassette CS-5800                                            UVP 57,95 €

Kette CN-HG601                                             UVP 30,95 €

Gesamt: ca. 1033,55 Euro

Bitte beachten, dass dies (außer Kette und Kassette) nur ganz grobe Zirka-Verkaufspreise sind, da Händler und Hersteller eigene Kalkulationen anstellen.

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