Laufradtuning: 27,5-Zoll-Reifen für Gravelbikes & Randonneure

Am Rennrad geht der Trend zu immer breiteren Reifen. Inzwischen gelten 28 mm breite 28-Zoll-Reifen als üblich. Am Randonneur und Gravelbike sind mit der neuen MTB-Laufradgröße und Scheibenbremsen auch richtig dicke 27,5-Zoll-Reifen möglich. Wir haben einige ausprobiert.

650B-Reifen mit 47 mm und Crossreifen mit 33 mm im direkten Größenvergleich. Beide Laufräder stehen auf gleicher Höhe auf. Bild. Gathmann

650B-Reifen mit 47 mm und Crossreifen mit 33 mm im direkten Größenvergleich. Beide Laufräder stehen auf gleicher Höhe auf. Bild. Gathmann

Noch sind an Randonneuren und Gravelbikes, bei denen es weniger auf Highspeed als vielmehr auf Komfort und Traktion ankommt, 35 mm breite 28-Zöller das Maß der Mehrheit. Aber einige bewegen sich schon auf den Spuren der Trekkingbikes. An Trekkingbikes hielt der Balloon-Reifen bereits vor über zehn Jahren Einzug. Der dicke Reifen mit 50 mm und mehr Breite löste die bis dahin vergleichbar schmalen  Pneus ab. Die neue Idee: Am All-Terrain-Rennrad, wie man Gravelbike, Randonneur und Cyclocrosser, auch nennen könnte, lassen sich breitere Reifen in der neuen MTB-Größe 27,5-Zoll montieren. Bis zu 47 mm breite 27,5-Zoll-Reifen ließen sich in einige Räder in unserem Gravelbike-Test in RADtouren-Magazin 1/17 einbauen, wo sonst 35 mm breite Crossreifen hineinpassten.

Nicht nur auf Kopfsteinpflaster werden die Komfortvorteile von dicken 650B-Reifen wie dem WTB Horizon im Bild sofort spürbar. Bild: Gathmann

Nicht nur auf Kopfsteinpflaster werden die Komfortvorteile von dicken 650B-Reifen wie dem WTB Horizon im Bild sofort spürbar. Bild: Gathmann

So neu ist die Idee, die Hersteller WTB unter der Bezeichnung „Road Plus“ verbreitet, allerdings nicht. Am klassischen Randonneur, dem Langestrecken-Rennrad der 20er Jahre, waren 42 mm breite 27,5-Zoll Reifen der Standard – dann sogar mit Schutzblechen. Der Grund für die breiteren Reifen war der gleiche wie heute: Man wollte auf schlechten unbefestigten Straßen ein Plus an Komfort und Traktion. Damals gab es kaum andere Straßen. Heute suchen Gravelbike-Fahrer aber bewusst kleine, unbefestigte Wege auf, um dem Verkehr zu entfliehen und neue Landschaften zu entdecken, auch wenn kein separater Radweg sie erschließt.

Was benötigt man  für das Umrüsten auf 650B-Komfort?

  • Zunächst sollte man klären, ob in Rahmen und Gabel genug Platz für die breiteren Reifen ist. Als Richtwert: Wenn zwischen den Kettenstreben an der breitesten Stelle mindestens 56 mm Raum war, passten in unserem Test 27,5-Zoll-Reifen bis 47 mm, also zum Beispiel auch ein untermaßiger Continental Contact Speed. Die Geometrie des Fahrrades ändert sich dabei je nach Reifengröße nur minimal bis leicht. Wir ermittelten für einen 33 mm breiten Crossreifen einen Durchmesser von 685 mm. Ein 47 mm breiter 27,5-Zoll-Reifen (WTB Horizon)  kam auf 680 mm Durchmesser.
  • Dann benötigt man ein passendes Disc-Laufradset aus dem MTB-Bereich. Am besten gleich mit breiteren Felgen. Ausprobiert haben wir Modelle ab 20 mm Maulweite innen und gute Erfahrungen damit gemacht. Es gibt bereits Modelle für unter 200 Euro. Achten sollte man auf eine ausreichende Gewichtszulassung, 115 kg sind für den Einsatz mit Gepäck bei Fahrern bis 90 kg empfehlenswert.
  • Natürlich benötigt man auch den passenden 27,5-Zoll-Reifen. Inzwischen gibt es einige Modelle. Je näher an 47 mm der Umfang desto besser werden die Vorteile ausgeschöpft.

Welche 27-5-Zoll Allround-Reifen gibt es?

Für unser Umrüstungsexperiment haben wir schon verschiedene verfügbare 27,5-Zoll-Reifen ausprobiert. Am Markt befinden sich aber noch mehr Modelle, unter anderem von Clement oder Panaracer oder Compass. Weitere Kompatibilitätstests werden folgen.

Schwalbe Marathon Cross | 32,90 Euro (UVP)

Gut abgestützte Seitenstollen und ein fast durchgängiges Mittelprofil sorgen beim Marathon Cross für gute Allrounderqualitäten. Bild: Gathmann

Gut abgestützte Seitenstollen und ein fast durchgängiges Mittelprofil sorgen beim Marathon Cross für gute Allrounderqualitäten. Bild: Gathmann

Typ: Allroundreifen mit fast durchgängigem Mittenprofil. Drahtkern.

Getestete Größe: 44-584

Gewicht gewogen: 624 g

Gemessene Breite: 41 mm (Felge mit 20 mm Maulweite)

Fahreindruck: Der Schwalbe Marathon Cross ist einer der wenigen Trekkingreifen in 650B-Version. Durch das in der Mitte beinahe durchgehende Profil rollt er auf Asphalt leise und gehört gefühlt auch zu den Leichtläufern. In vergangenen RADtouren-Reifentests überraschte der in Sachen Defektschutz vergleichbar aufgebaute Marathon Racer Reifen zudem mit einem recht hohen Pannenschutzniveau. In der Kurve auf unbefestigten Wegen ist der Gripp ordentlich, zumindest deutlich besser als bei den meisten Trekkingreifen ohne ausgeprägte Schulterstollen. In Straßenkurven wirkt der Marathon Cross dennoch nicht schwammig, insgesamt ein guter Kompromiss. An seine Traktionsgrenzen kommt der Reifen auf feuchten Waldwegen. Hier ist – vor allem in Kurven und bergauf – gröberes Profil gefragt.

Einsatz als 28-Zoll-Ersatz: Bedingt geeignet. Wegen der tatsächlich recht geringen Breite dürfte er in fast alle Rahmen passen. Das bedingt allerdings ein merklich abgesenktes Tretlager und ein deutlich leichtgängigeres bis nervöses Lenkverhalten. Insgesamt wirkte das Test-Gravelbike mit diesem Reifen sportlicher als mit den 28-Zöllern.

 

Continental Contact Speed | 28,90 Euro (UVP)

In der Größe 50-584 passt der neue Continental Speed Contact noch in so manches Gravelbike. Bild: Gathmann

Typ: Slickreifen mit Diamantprofil. Drahtkern.

Getestete Größe: 50-584

Gewicht gewogen: 694 g

Gemessene Breite: 50 mm (Felge mit 20 mm Maulweite)

Fahreindruck: Der Continental Contact Speed ist neu im Trekkingsegment des Reifenherstellers mit Fahrradreifen-Sparte aus Korbach.  Trotz konstruktiv schwererem Drahtkern fällt er recht leicht für sein üppiges Volumen aus (aber deutlich schwerer als vom Hersteller angegeben). Wir fuhren den Contact Speed sehr gerne im unteren Bereich der Luftdruckempfehlung des Herstellers mit 3,5 bar oder sogar etwas weniger. Damit rollt der Contact Speed gefühlt immer noch beinah so leicht wie ein Rennradreifen. Die Form der Karkasse und Lauffläche sowie das Profil sorgen für ein agiles Lenkverhalten, das sich nicht deutlich von dem schmalerer Reifen unterscheidet. Gleichzeitig steigt der Komfort enorm – weit über das Maß, das man von Rennrädern und Cylcocrossern gewohnt ist. Für die Straße ist der Contact Speed daher ein unbedingter Preis/Leistungs-Tuningtipp. Auf trockenen befestigten Wegen lässt sich der Reifen ebenfalls sehr gut fahren und bietet in Kurven genug Grip. Sobald das Geläuf gröber oder die unbefestigten Wege feuchter werden, sind seine Grenzen erreicht.

Einsatz als 28-Zoll-Ersatz: Sehr gut geeignet – sofern genug Platz in Rahmen und Gabel. Wegen seiner tatsächlichen 50 mm Breite, passt der Continental Contact Speed eventuell nicht in sportliche Cyclocrosser und Gravelbikes. 56 mm Durchlauf sind das Minimum. Wenn er passt, ändert sich die Geometrie nicht merklich und auch die Lenkeigenschaften bleiben gleich. Ideal fürs Komfort-Tuning, wenn das Gewicht keine übergeordnete Rolle spielt.

 

WTB Horizon Road Plus TCS | ca. 59,95 Euro (Online-Preis)

Der WTB Horizon Road Plus TCS ist Trendsetter der Idee vom breiten 650B-Reifen als Ersatz für den schmalen 28-Zoll-Pneu. Bild: Gathmann

Der WTB Horizon Road Plus TCS ist Trendsetter der Idee vom breiten 650B-Reifen als Ersatz für den schmalen 28-Zoll-Pneu. Bild: Gathmann

Typ: Slickreifen mit Fischgrät-Slick-Profil. Aramidkern (Faltreifen. Tubeless tauglich.

Getestete Größe: 47-584

Gewicht gewogen: 507 g

Gemessene Breite: 47 mm (Felge mit 20 mm Maulweite)

Fahreindruck: Der WTB Horizon Road Plus ist der Trendsetter und Namensgeber  für den Umbau von 28-Zoll-Schmal auf 27,5-Zoll-Breit. Getestet haben wir die Tubeless-Variante (TCS). Dank Aramidkern und leichtem Aufbau (eher dünne Seitenwand mit geringer Gummierung) wiegt der Reifen in dieser Version trotz großen Volumens konkurrenzlos wenig. Unsere Testreifen trafen ziemlich exakt die Gewichtsangabe des Herstellers. Um den Horizon tubeless zu fahren, also ohne Schlauch, benötigt man einen speziellen Laufradsatz mit Tubeless-Eignung. Wir haben den Tune Dreckschleuder-Laufradsatz in 27,5-Zoll für diesen Zweck genutzt, der gegenüber sportlichen 28-Zoll-Laufradsätzen rund 250 g Gewicht spart. Mithin wird der große Komfort- und Traktionsvorteil des Horizon nur mit rund 200 g Gewichtsnachteil gegenüber 28-Zoll-Gravelreifen wie etwa dem Schwalbe G-One in 35 mm erkauft. Die Tubeless-Reifenmontage ging leicht von der Hand. Allerdings benötigte der Reifen eine ordentliche Menge Dichtmilch von rund 40 ml und ausgiebiges „Anschütteln“ an die Flanken nach der ersten Befüllung, um gut abzudichten. Zudem traten kleine Tropfen Dichtmilch aus der Seitenwand aus. Einmal korrekt montiert, macht der WTB Horizon auf der Straße und befestigten Wegen viel Spaß. Er hat das, was die Franzosen „Suplesse“ nennen: läuft leicht und rollt geschmeidiig über die vielen kleinen Unebenheiten von grobem Asphalt oder feinem Kies. Selbst Kopfsteinpflaster verliert deutlich an Schrecken. Wir fuhren am liebsten mit rund 3,5 bar Druck – so läuft der Reifen schnell, wirkt aber in Kurven nicht schwammig. Gefühlt ist der Rollwiderstand dabei nur leicht gegenüber glatten Straßenreifen erhöht, die Beschleunigung sogar ähnlich gut. Auf befestigten trockenen Wegen ist die Traktion vollkommen okay und schmalen Reifen überlegen. Keine Gripp-Wunder sollte man trotz Fischgrätprofil an der Reifenflanke gröberem Terrain oder Nassen Kieswegen erwarten. Insgesamt der sportlichste 650B-Tuning-Reifen, der vor allem in Sachen Komfort punkten kann.

Die Seitenwände des WTB Horizon sind zugunsten des Abrollkomforts so dünn, dass bei der Montage zunächst noch Dichtmilch durch die Flanken drückt. Bild: Gathmann.

Die Seitenwände des WTB Horizon sind zugunsten des Abrollkomforts so dünn, dass bei der Montage zunächst noch Dichtmilch durch die Flanken drückt. Bild: Gathmann.

Einsatz als 28-Zoll-Ersatz: Am besten geeignet – das Maß passt in viele Rahmen und Gabeln. Voraussetzung ist allerdings ein tubeless-fähiger Laufradsatz. Die Geometrie ändert sich nicht merklich, die Lenkeigenschaften werden marginal träger. Ideal fürs Komfort-Tuning ohne Gewichtsstrafe.

 

Kenda Small Block Eight Pro | ca. 55,90 Euro

Kenda Small Block Eight Pro

Typ: MTB-Reifen, den es mit gleichem Profil auch als Cyclocross-Reifen gibt. Faltreifen.

Getestete Größe: 54-584

Gewicht gewogen: 510 g

Gemessene Breite: 54 mm (Felge mit 20 mm Maulweite)

Fahreindruck: Den Kenda Small Block Eight Pro haben wir als typischen MTB-Reifen für trockene, harte Untergünde, also mit gemäßigtem Profil mit in den Kompatibilitätstest geschickt – auch um zu sehen, ob die gängigste schmale MTB-Reifengrößen (2,1-Zoll) als 650B-Reifen noch in die Gravelbike- und Randonneur-Hinterbauten passt. Ergebnis: eingeschränkt einsetzbar, siehe unten. Am Reifendesign des Small Block Eight wirkte MTB-Legende John Tomac mit – es handelt sich ausweislich um einen performance-orientierten Pneu. Das spiegelt sich auch im Gewicht wider. Das liegt trotz tatsächlich gemessener Breite von 54 mm auf Augenhöhe oder unter dem dünnerer Pneus. Entsprechend dynamisch wirkt die Beschleunigung des Kenda Small Block Eight selbst im direkten Vergleich zu den (schwereren) profillosen Modellen. Dabei gefallen die Laufeigenschaften auch auf der Straße: nicht zu laut und keineswegs schwammig in der Kurve wie manche grobstolligere MTB-Reifen. Richtig zuhause fühlt man sich mit dem Tubeless-Reifen bei niedrigem Druck (Test: 2,0 bar) auf befestigten Feld- und Waldwegen, wo er die beste Traktion und den besten Gripp aller hier vorgestellten Reifen hat. Gleichzeitig rollt er dort gefühlt genauso leicht wie die nahezu profillosen Modelle und verliert auch auf nassen. weicheren Böden nicht die Traktion. Pannen hatten wir keine, herausragenden Defektschutz darg man aber schon aufgrund der Leichtbau-Reifenkonstruktion nicht erwarten. In de Summe die beste Lösung für sportliches Fahren auf unbefestigten Wegen … aber eben für viele Räder schlicht schon zu breit.

Viele kleine Stollen sorgen für leichtes Abrollverhalten – auch auf Asphalt. Bild: Gathmann

Viele kleine, abgestützte quadratische Stollen sorgen für leichtes Abrollverhalten – auch auf Asphalt. Bild: Gathmann

Einsatz als 28-Zoll-Ersatz: Nur bei den weniger sportlichen Modellen auf Stahlrahmen-Basis oder Spezialisten wie dem Open Cycle U.P. aus dem aktuellen Gravelbike-Test dreht sich der Reifen noch durch Hinterbau und Gabel. Die Geometrie ändert sich nicht, da der Reifen einen nahezu identischen Durchmesser wie 35mm-28-Zoll-Pneus aufweist. Das Lenkverhalten wird etwas träger, zumal der Reifen im Tubeless-Betrieb mit sehr niedrigen Reifendrücken bis hinunter zu 2 bar gefahren werden kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jan Gathmann

Über Jan Gathmann

Obwohl Jan Gathmann als Kind immer nur die Fahrräder seiner Cousins geerbt hat, entwickelte er schon damals eine Ader für das Radfahren – vielleicht lag es an der liebevollen Umgestaltung der Erbstücke durch den Vater. Als Chefredakteur gestaltet Jan Gathmann seit 2009 das RADtouren-Magazin mit. In dieser Zeit und in den Jahren zuvor als Technikredakteur saß er schon im Sattel von geschätzt über 600 Testrädern – bis jetzt ohne Verschleißerscheinungen. Am liebsten greift er (auch in der Freizeit) zum Rennlenker von Randonneuren.

2 Gedanken zu “Laufradtuning: 27,5-Zoll-Reifen für Gravelbikes & Randonneure

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