650B Laufräder und Reifen für Gravelbikes und Randonneure?

Komfort-Upgrade am Gravelbike oder Randonneur mit 650B-Laufrädern gefällig? Die Scheibenbremse und neue MTB-Laufräder machen es möglich. Wir zeigen, was geht.

Je schechter der Weg, desto mehr profitieren Gravelbikes von breiteren Reifen. Velotraum setzt auf 27,5-Zoll-Laufräder mit Schwalbe Thunder Burt MTB-Reifen. Bild: Partzsch

Je schlechter der Weg, desto mehr profitieren Gravelbikes von breiteren Reifen. Velotraum setzt auf 27,5-Zoll-Laufräder mit Schwalbe Thunder Burt MTB-Reifen. Bild: Partzsch

Am Mountainbike sind breitere Reifen in 27,5-Zoll – auch 650B genannt – erst seit jüngstem ein gefragter Standard. Am Randonneur, dem Reiserad mit Rennlenker für die Langstrecke, waren sie es schon vor 100 Jahren. Denn mit 42mm breiten 650B Reifen rüttelte es auf den schlechten Landstraßen einfach weniger am Lenker als auf 28 mm schmalen 28-Zoll-Pneus. Jetzt, mit guten Scheibenbemsen für Rennradbremshebel, den Laufrädern vom Mountainbike und einer wachsenden Zahl von 650B-Reifen im Allroundbereich gibt es für Gravelbikes und Randonneure wieder eine einfache Option auf mehr Komfort.

 Wann lohnt es sich über breitere Reifen auf kleineren Felgen nachzudenken?

  • Wenn mehr Komfort gewünscht ist. Schon wenige Millimeter Reifenbreite führen zu spürbar besserer Dämpfung. Und je weniger kleine Stöße und Erschütterungen am Lenker ankommen, desto langsamer ermüdet man auf langen Strecken im Sattel. Für welche Langstrecken-Radler wäre das kein Faktor?
  • Wenn mehr Griffigkeit auf unbefestigten Wegen oder höhere Fahrsicherheit, sprich Haftung, auf der Straße gefordert ist. Denn ein breiterer Reifen vergrößert die Kontaktfläche und damit die Haftung am Untergrund, egal ob dieser Waldboden oder frisch geteerter Asphalt ist. Das spart Kraft – Waldboden! – oder gibt mehr Sicherheit in Kurven. Formel 1-Rennwagen fahren auch nicht auf schmalen Reifen.
Hartje Manufaktur bringt im Bramdmeister sogar 27,5-Zoll Reifen in 50 mm mit Schutzblechen unter. Bild: Partzsch

Hartje Manufaktur bringt im Brandmeister sogar 27,5-Zoll Reifen in 50 mm mit Schutzblechen unter. Bild: Partzsch

Hinzu kommt: Der Gewinn an Komfort und Sicherheit geht nur mit geringen Nachteilen einher. Das Gewicht des Reifen-Felge-Systems erhöht sich nur leicht oder gar nicht. Ein Beispiel: Schwalbes Allround-Gravel-Reifen G-One wiegt in einer 28-Zoll 35 mm Ausführung (35-622) laut Hersteller 400 g. In 650B mit 5 mm mehr Breite (40-584) sind es 420 g. Gleichzeitig wiegt eine 650B-Alu-Felge in gleicher Breite wie 28-Zoll-Modell rund 50 g weniger. Auch schluckt ein breiterer Reifen nicht mehr Kraft, sondern bei gleichem Druck sogar weniger. Fährt man den breiteren Reifen mit weniger Druck unterscheiden sich die Rollwiderstände nur in einem vernachlässigbaren Bereich.

Der Trick mit den Größen

Nun passen in die meisten Cyclocross- und Gravelbikes keine richtig breiten Reifen der Größe 28-Zoll. In der Regel liegt die Grenze bei 42 mm oder sogar darunter. Jetzt kommt der Trick mit der Laufradgröße ins Spiel: Breite Reifen auf einer kleineren Felge sind ähnlich groß wie schmale Reifen auf einer größeren Felge. Das Open Cycle U.P. war eines der ersten Gravelbikes, das sich dieses Prinzip konsequent zu nutzen machte. Es wurde gebaut, um mit zwei Laufradgrößen mit beinahe identischen Durchmessern gefahren zu werden:

  • klassischen 28-Zoll-Reifen mit bis zu 35 mm Breite. Also z.B. 33-622 mit Durchmesser: 682 mm
  • 27,5-Zoll-Reifen mit bis zu 55 mm Breite. Also z.B. 55-622 mit Durchmesser: 684 mm
Vorreiter: Das Open Cycle U.P. besitzt einen kurzen aber breiten Hinterbau, in den 27,5-Zoll Reifen bis 55 mm Breite passen, aber auch 28-Zoll-Laufräder mit 35 mm breiten Reifen. Bild: Open Cycle

Vorreiter: Das Open Cycle U.P. besitzt einen kurzen aber breiten Hinterbau, in den 27,5-Zoll Reifen bis 55 mm Breite passen, aber auch 28-Zoll-Laufräder mit 35 mm breiten Reifen. Bild: Open Cycle

Im RADtouren-Praxistest zeigte sich, dass meist schlicht die dicken MTB-Reifen drin blieben. Die meisten Piloten entschieden sich letztendlich für mehr Komfort und wollten bei der Wegewahl flexibler sein.

Unseren Vergleichstest von 10 Gravelbikes für RADtouren 2/17 haben wir deshalb genutzt, um zu testen, welche 27,5-Zoll-Breitreifen in eher traditionelle Rahmendesigns passen. Gleichzeitig haben wir nach 27,5-Zoll Allroundreifen und Laufradsätzen gesucht, die für ein All-Terrain Komfort-Uprade in Frage kommen.

Hier geht es zu den 27,5-Zoll-Allround-Reifen für Randonneure und Gravelbikes

Passt gut: In einem typischen Cyclocrossrad/Gravelbike mit Alurahmen passen 27,5-Zoll-Reifen bis 44 mm mit viel Luft zum Rahmen. Hier der Schwalbe Marathon Cross in 44-584 am Cinelli Zydeco. Bild: Gathmann

Passt gut: In einem typischen Cyclocrossrad/Gravelbike mit Alurahmen passen 27,5-Zoll-Reifen bis 44 mm mit viel Luft zum Rahmen. Hier der Schwalbe Marathon Cross in 44-584 am Cinelli Zydeco. Bild: Gathmann

Auffallend war, dass im RADtouren Gravelbike-Test drei Modelle bereits ab Werk mit dicken 27,5-Zoll-Pneus anrollten. Velotraum setzte wie Open Cycle auf 54 mm breite MTB-Pneus, am Hartje Manufaktur Brandmeister war genug Platz in Hinterbau und Gabel für 50mm breite Schwalbe Big Ben Reifen. Auch die meisten Stahlrahmen im Test boten genügend Platz für 27,5 Pneus bis 55 mm – ausprobiert immer ohne Schutzbleche. Namentlich das Tout Terain X-Over, das Poison Phenol und das MTB Cycletech Amar.

Auch in der Gabel sollte genug Platz für die breiteren 27,5-Zoll Reifen sein – hier der Marathon Cross in 44 mm. Bild: Gathmann

Auch in der Gabel sollte genug Platz für die breiteren 27,5-Zoll Reifen sein – hier der Marathon Cross in 44 mm. Bild: Gathmann

In eher Cyclocross orientierten Rennern wie dem Stevens Gavere oder dem Bulls Grinder 1, aber auch anderen Bikes dieses Zuschnitts, lassen sich mit Glück immerhin 27,5-Zoll-Reifen bis 47 mm in Rahmen und Gabel fahren. Das haben wir ausprobiert. Die Geometrie ändert sich dadurch leicht in eine etwas wendigere Auslegung, der Radschwerpunkt sinkt etwas. Aber da das Tretlager in der Regel ohnehin etwas höher liegt als bei Rennrädern, besteht dennoch keine Gefahr, in Kurven mit dem Pedal aufzusetzen.

Passt hinten gerade noch: 50 mm Slick Continental Speed Contact im Cinelli Zydeco. Damit ändert sich die Geometrie gegenüber den 28-Zoll-Reifen kaum. Wohl aber erhöht sich der Komfort erheblich. Bild: Gathmann

Passt hinten gerade noch: 50 mm Slick Continental Speed Contact im Cinelli Zydeco. Damit ändert sich die Geometrie gegenüber den 28-Zoll-Reifen kaum. Wohl aber erhöht sich der Komfort erheblich. Bild: Gathmann

Durchläufe an der Gabel mit 50 mm Continental Speed Contact. Bild: Gathmann

Durchläufe an der Gabel mit 50 mm Continental Speed Contact. Bild: Gathmann

Übrigens auch in alten Randonneur-Rahmen, die nicht für Scheibenbremsen ausgelegt sind, hat man die Chance 27,5-Zoll Laufräder einzubauen, um zu mehr Komfort zu gelangen. Besonders groß ist die Chance bei alten Stahlrahmen. Voraussetzung ist, dass die Durchläufe an Rahmen und Gabel breit genug sind. Dann genügt es, die kurzschenkligen Bremsen gegen langschenklige Modelle zu tauschen, wie zum Beispiel die Tektro R559.

 

 

 

 

 

Jan Gathmann

Über Jan Gathmann

Obwohl Jan Gathmann als Kind immer nur die Fahrräder seiner Cousins geerbt hat, entwickelte er schon damals eine Ader für das Radfahren – vielleicht lag es an der liebevollen Umgestaltung der Erbstücke durch den Vater. Als Chefredakteur gestaltet Jan Gathmann seit 2009 das RADtouren-Magazin mit. In dieser Zeit und in den Jahren zuvor als Technikredakteur saß er schon im Sattel von geschätzt über 600 Testrädern – bis jetzt ohne Verschleißerscheinungen. Am liebsten greift er (auch in der Freizeit) zum Rennlenker von Randonneuren.

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