Fahrbericht: das Open Cycle U.P. im Test

Das Open Cycle U.P. passt in keine Schublade: dicke 27,5-Zoll-MTB-Reifen unten, ein Rennradlenker oben – da reiben sich viele die Augen. Aber im Sinne des Allroundertums macht es Sinn. Zusammen mit einer Fülle kluger Details macht es das U.P. zu dem, was wir im Fahrtest vorfanden: ein ultraleichtes, quicklebendiges Rennrad für Wälder, Straßen und sogar kurze Reiseabenteuer.

„Gravelracer“ heißt das Trendgefährt, das in den USA und zunehmend auch in Europa die Rennradwelt umtreibt. Gemeint ist ein Rennrad, das auf Straßen und auf befestigten Wegen komfortabel und sicher zu fahren ist. Meist bietet es dafür eine ziemlich aufrechte Sitzhaltung, Scheibenbremsen und – das entscheidende – Reifen, die breiter sind als gewöhnlich am Rennrad: zwischen 28 mm und 42 mm Breite sind meist drin. Manchmal sind sogar ab Werk Befestigungspunkte für Schutzbleche und Gepäckträger vorgesehen, damit der Gravelracer auch als Alltagsgefährt funktioniert.

Die Sitzhaltung fällt vergleichsweise sportlich aus. Bild: Partzsch

Die Sitzhaltung fällt vergleichsweise sportlich aus. Bild: Partzsch

Gravelroads gibt es hierzulande weniger

Die Sache mit dem Alltagsgefährt macht für uns Sinn. Aber Wege, die in den Vereinigten Staaten Gravelroads heißen, also lange, fein geschotterte Pisten, die weite Landstriche erschließen, gibt es hierzulande weniger. Häufiger zu finden sind eher geschotterte Waldautobahnen und schmale Feldwege, die sich über Wiesen oder Almen schlängeln. Auch dort kann man mit einem Gravelbike gut fahren und Spaß haben. Aber auf MTB-Reifen ist es doch noch komfortabler.

Auftritt das Open Cycle U.P.. Der Name „U.P.“ steht für „Unbeaten Path“, was auf Deutsch soviel heißt wie „der unentdeckte Weg“. Nach drei Wochen Fahren auf dem U.P. fügen wir hinzu: der leider unentdeckte Weg. Wiederentdeckt haben die Macher des Open Cycle U.P., von denen einer in der Fahrradbranche als High-Tech-Guru hinter Cervelo bekannt ist, zunächst die Kombination Rennradlenker und MTB-Reifen. Sie war in den Pionierzeiten des Mountainbikes auf Rennstrecken zu sehen. Mit zunehmender Spezialisierung des Mountainbikes geriet sie aber in Vergessenheit. Und eben der Spezialisierung wollten Gerard Vroomen und Andy Kessler etwas entgegensetzen. Das Open U.P. will ein Rad mit Rennlenker sein, mit dem sich jeder Weg, der einem unterwegs begegnet, erkunden lässt. Ohne Einschränkungen.

Vier Dinge kennzeichnen sein State of the Art-Carbonrahmen-Set besonders:

  • – ein für ein Geländerad beinahe asketisches Gewicht von 8,6 kg mit Pedalen (Größe L)
  • – Platz für Reifen im 650B-Maß bis 55 mm in Rahmen und Gabel
  • – Scheibenbremse. Dadurch leichter Laufradtausch gegen Modelle mit ähnlichem Radius – zum Beispiel gegen 28-Zoll-Räder mit Reifen bis 42 mm
  • – kurze Kettenstreben
  • – eine agile Lenkgeometrie

Es gibt noch eine Menge mehr sinnvolle Details am Rahmen, aber dazu später. Denn das Besondere ist die Rahmenauslegung, die tatsächlich ein anderes Fahrerlebnis beschert. Und das sieht so aus: Auf unserem Testrad ist die Sitzhaltung wie auf dem Rennrad. Nicht wie auf einem Komfortrenner, sondern ziemlich sportlich. Der flache Carbonlenker bietet den Händen eine druckfreie Auflagestelle für längere Strecken, liegt aber circa 10 cm unter dem Sattel – komfortablere Sitzpositionen lassen sich beim individuellen Aufbau des Rahmensets schaffen.

Einklicken, Losfahren – und schon bei den ersten Pedaltritten merken, wie leicht das Open Cycle U.P. losstürmt. Sein Federgewicht, der sehr verwindungssteife Rahmen, die (gegenüber dem Rennrad) kleineren Laufräder, alles wirkt in die gleiche Richtung: Vorwärtsdrang.

Bild: Gathmann

Bild: Gathmann

Eine erste Überraschung stellt sich schon auf Asphalt ein. Trotz dicker Schwalbe Racing Ralph MTB-Reifen fühlt sich das Open Cycle U.P. beinahe an wie ein Rennrad. Die Lenkung ist viel leichtgängiger, als es die Stollenpneus erwarten lassen. Kurven lassen sich präzise ansteuern, keine Spur von Schwammigkeit oder Behäbigkeit. Dann das Aha-Erlebnis beim Einbiegen auf den kurvigen Kiesweg im Park: Der Spaßfaktor steigt, die Traktion der Reifen lässt nichts zu wünschen übrig, auch, wenn es mal etwas matschiger wird. Und nicht zuletzt deshalb machen auf dem feinen Kies die Kurven genauso viel Spaß wie auf der Straße.

Dabei spendet die weit herausgezogene Sattelstütze zusätzlichen Dämpfungskomfort. Weil die Sattelstütze außerdem gerade ist (kein Setback), kann der Sattel über die freiliegenden Streben ebenfalls besser federn.

Schlüsselerlebnis bei der Fahrt auf dem Waldweg

Und dann das Schlüsselerlebnis bei der Fahrt auf dem Waldweg. Das Open Cycle U.P. folgt willig und direkt jedem Lenkbefehl, lässt sich mit Gewichtsverlagerung prima um enge Ecken dirrigieren. An Wurzeln hilft schon ein leichter Zug am Lenker, um das U.P. über das Hindernis zu heben. Auch hier spenden die für ein Rad mit Rennlenker dicken Reifen zusätzliche Sicherheit. Schon am Ende der ersten Testfahrt steht das gute Gefühl, dass dieses Rad tatsächlich für jeden Weg zu haben ist und auf keinem nennenswerte Kompromisse vom Fahrer fordert. Am Ende der ganzen Testphase finden sich unter anderem folgende Wege im Tourenbuch: Fahrten von und zur Arbeit über den Radwanderweg Kaiser-Route, schnelle Touren mit einer Gruppen von Cyclocross-Fahrern mit bis zu zweitausend Höhenmetern, Rundenhatz auf einer MTB-Route durch die Dünen im holländischen Schoorl und sogar ein zweitägiger Bikepacking-Tripp im Bergischen Land.

Ein vergleichbares Fahrverhalten am Gravelbike haben wir noch nicht erspürt

Damit ist eigentlich schon das Wichtigste gesagt. Denn ein vergleichbares Fahrverhalten und größere Veilseitigkeit in Kombination mit Sportlichkeit haben wir bei gängigen Randonneuren oder Gravelbikes nicht erspürt. Das Gros der Modelle – selbst solche mit schmalerer Cyclocross-Bereifung – ist fühlbar mehr Richtung Geradeauslauf ausgelegt. Wenn dicke Reifen hineinpassen, dann kommt meist ein sehr behäbiger Charakter zum Tragen. Dadurch macht aber das Fahren auf winkligen Pfaden weniger Spaß. Und wenn klassische Cyclocross-Räder mit dünnen Reifen einen kompakten Radstand erzielen, bleiben eben der Komfort und die Pannensicherheit im Gelände auf der Strecke.

Alles ist aber noch nicht gesagt. Unser Testrad war puristisch mit einem Sram Force 1×11-Antrieb aufgebaut. Die Kombination aus einem Kettenblatt vorne und 11 Ritzeln hinten bietet ausreichenden Spielraum für das Fortkommen im genannten Gelände. Zudem besticht die einfache Schaltlogik: Durch die Gänge klickt der Fahrer mit dem Zeigefinger vom rechten Hebel aus. Nicht möglichst ist damit lockeres Pedalieren an steilen Off-Road-Passagen. Aber Antriebe mit 2-Fach-Kurbel passen ebenfalls zu dem Rahmen, der immer nach Kundenwunsch komplettiert wird. Rundum glücklich auf jedem Weg machen die Sram Force-Hydraulikbremsen. Satte Bremskraft mit 160 mm-Scheiben, ein gut spürbarer, harter Druckpunkt und geringer Verschleiß der gesinterten Beläge überzeugen gerade dann, wenn es bei jedem Wetter durch jedes Terrain geht. Dabei zeigt sich die Carbongabel mit 15 mm-Steckachse sehr verwindungssteif, so dass nie Bremsschleifen auftritt. Gleiches gilt für den Hinterbau, der übrigens mit 142 mm Einbauweite und 12 mm-Steckachse ebenfalls für extrem gute Laufradführung und seitenstabile Laufräder ausgelegt ist.

Am puristischen, 1.150 g leichten Carbonrahmen-Set finden sich noch mehr feine Details, die den Umgang mit dem Rad erleichtern. Ein Beispiel dafür ist das unscheinbare Guckloch im Sattelrohr. Es macht sichtbar, ob die Sattelstütze weit genug eingesteckt ist, wichtig, wenn die Sattelstütze selbst keine Markierung besitzt.

Für ausgedehnte Bikepacking-Touren eignet sich das U.P. hervorragend

Für ausgedehnte Touren und sogar lange Bikepacking-Reisen eignet sich das Open Cycle U.P. vorzüglich. So sind zum Beispiel Ösen für 3 Flaschenhalter an Bord. Auf dem Oberrohr lässt sich eine kleine Rahmentasche an Ösen klappersicher befestigen, ohne dass die Klettriemen den Bewegungsablauf der Beine stören würden. Nur integrierte Befestigungspunkte für Schutzbleche oder Gepäckträger findet man nicht, was für lange Touren den Griff zum Bikepacking-Taschenset verlangt. Die Taschen lassen sich dabei hervorragend am Open Cycle U.P. befestigen: Weil alle Züge (wartungsarm) im Rahmen verlegt sind, können die typischen zahllosen Befestigungsriemen und Schnallen der Bikepacking-Taschen die Funktion der Schaltzüge nicht behindern. Und ohne Taschen sieht das Rad einfach „sauberer“ aus.

Fazit: Das Open Cycle U.P. mausert sich im Fahrtest zum Trüffelschwein für idyllische Wege. Nicht jeder hat das Glück, dass kleine Pfade, die sich fahrfreudebringend durch die Landschaft schlängeln, direkt vor der Haustür liegen. Mit dem U.P. kommt man schneller dorthin, ist schneller darauf unterwegs und hat an beidem viel Spaß. So geht sportlicher Allrounder mit Rennlenker. Das High-Tech-Carbonnrahmenset hat dabei das Innovations- und Verarbeitungsniveau, das man bei 2.900 Euro Setpreis erwarten darf (aber nicht überall bekommt). Aufgrund der fast einzigartigen Geometrie gibt es ohnehin wenig Alternativen mit vergleichbarer Leistung. Wer die Stärken des Konzepts nutzt und zwei Satz Laufräder mit 27,5-Zoll und 28-Zoll einsetzt, könnte tatsächlich ein Rennrad, ein MTB-Hardtail und ein Cycolcrosser dafür einmotten.

Bikepacking-Taschen machen das U.P. voll tourentauglich, ohne es schwerfällig werden zu lassen. Bild: Partzsch.

Bikepacking-Taschen machen das U.P. voll tourentauglich, ohne es schwerfällig werden zu lassen. Bild: Partzsch.

Technische Daten

Open Cycle U.P., 2.900 Euro (Rahmenset): Allround-Rennrad, Gravelbike, Cyclocrosser. Rahmen: Carbon; Rahmengrößen: S, M, L (Test), XL; Gabel: Carbon, 1 1/8-Zoll Ahead, tapered, keine Lowrider-Ösen; Gewicht: 8,75 kg (gewogen mit Pedalen); Schaltung: Sram Force 11-Gang-Kettenschaltung; Antrieb: Sram Force, vorne 42 Z. / hinten 11-34 Zähne; Laufräder: DT Swiss XR1501, 584-20c; Reifen: Schwalbe Racing Ralph Evo 55-584; Bremsen: Sram Force hydraulische Scheibenbremsen, 160/160 mm; Lenker: 3T Carbon; Sattelstütze: 3T Carbon; Besonderheiten: Steckachsen (15/12 mm), Schaltauge von Steckachse gehalten (einfacher Laufradwechsel), Sattestütze-Einstecktiefe über Loch im Rahmen kontrollierbar. opencycle.com

Bewertung

EINSATZBERECH

Radreisen: ***

City/Alltag: *

Fitness: *****

Gelände: ****

 

Fahrleistung: *****

Komfort: ***

Ausstattung: ****

Preis/Leistung: **

(max. 5)

Testurteil: hervorragend

Jan Gathmann

Über Jan Gathmann

Obwohl Jan Gathmann als Kind immer nur die Fahrräder seiner Cousins geerbt hat, entwickelte er schon damals eine Ader für das Radfahren – vielleicht lag es an der liebevollen Umgestaltung der Erbstücke durch den Vater. Als Chefredakteur gestaltet Jan Gathmann seit 2009 das RADtouren-Magazin mit. In dieser Zeit und in den Jahren zuvor als Technikredakteur saß er schon im Sattel von geschätzt über 600 Testrädern – bis jetzt ohne Verschleißerscheinungen. Am liebsten greift er (auch in der Freizeit) zum Rennlenker von Randonneuren.

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