Fahrbericht: Rennstahl 853 Pinion

Feiner Stahl, edles Titan, spezielle Hightech-Lösungen: Der Rennstahl-Kunde liebt es exklusiv. Löst der teuere Globetrotter dieses Versprechen funktional ein?

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Bestandsaufnahme: Der Blick sucht nach dem Besonderen und findet, und findet, und findet immer mehr… Die Münchner Marke Rennstahl von Andreas Kirchner will nichts dem Zufall überlassen. Das fängt schon beim Rahmen an, der mit dem feinen Reynolds-Stahl 853 dem Rad seinen Namen gibt. Die Übergänge unter dem hochglänzenden Lack sind so sauber verarbeitet, dass der Rahmen wie aus einem Stück wirkt. Diese Anmutung unterstützt auch der große Durchmesser der Stahlgabel, welche die Form des kräftigen Steuerrohrs weiterführt. Sie endet in eigens unter dem Label von Kirchners zweiter Marke Falkenjagd angefertigte Achsaufnahmen für die steife 15-Millimeter-Steckachse, um die sich der feine SON-Dynamo dreht. Falkenjagd prangt auch auf diversen Komponenten wie Lenker, Sattelstütze und Vorbau: Titan-Teile.

Was nicht aus der eigenen Produktion kommt, ist ebenso edel wie hilfreich für viele sorglose und wartungsfreie, raue Kilometer: Statt des üblichen Tretlagers nimmt der feine Rahmen eine Pinion-Schaltung mit 18 Gängen auf. Zum Hinterrad kommt die Kraft per Riemen statt Kette – hier ist das neue Conti Drive System mit Carbon- statt Aramidfasern verbaut, was für direkteren Antritt sorgt.

Die hintere Nabe hat Leichtlauf-Spezialist Tune mit dem Hersteller zusammen entwickelt, ebenso die breiten Hochschulter-Felgen mit 36 Loch. Die Aufnahmen für Steckachse und Scheibenbremse sind Eigenentwicklungen der Münchner.

H2O steht auf dem Bremssattel – tatsächlich fließt in den Leitungen unseres Rennstahl: Wasser. Verbaut sind die neuen Stopper von Brakeforce One, die erstmals Öl beziehungsweise Bremsflüssigkeit durch Wasser ersetzen.

Alle Leitungen und Züge sind sorgfältig verlegt und verlaufen in reibungsarmen Bögen. Dafür sorgen Stahlösen am Rahmen.

Wendig, sicher, stark

Wie gut harmoniert das alles? Die ersten langsamen Meter auf dem relativ hoch bauendem Bike – ein Zugeständnis an unwegsames Terrain – verblüffen: Trotz 28-Zöllern und voluminösen Reifen läuft das 853 extrem wendig ohne dabei nervös zu wirken.

Zum Wenden braucht’s kaum mehr Platz als die Fahrradlänge. Das Handling ist überzeugend intuitiv und gelassen. Auch für diese ausgefeilte Geometrie ist Rennstahl-Entwickler Kirchner verantwortlich, der auf besondere Ausgewogenheit Wert legte. Man sitzt dank des steilen Vorbaus relativ aufrecht, den breiten Lenker lässig in den Händen. Die Pinion-Schaltung lädt mit ihren 18 Stufen geradezu zum Schalten ein, und das hat noch nie so viel Freude gemacht wie hier: Direkt und satt rasten die Gänge ein, der Drehgriff läuft weich wie Butter. Der neue Conti-Riemen überträgt die Pedalkraft ohne spürbare Reibung – lautlos.

Fast 18 Kilo Lebendgewicht und das Allround-Profil der Reifen bringen keinen Beschleunigungsrausch, doch einmal auf Speed, läuft das 853 ohne Anstrengung dahin – und vor allem ohne Nervosität. Geradeauslauf: tadellos, Kurvenhandling: absolut sicher und harmonisch. Mit wie ohne Gewicht auf dem steifen Tubus Logo läuft der Alleskönner schwingungsfrei, auch wenn der Rahmen insgesamt etwas weniger steif wirkt als der eines guten Alu-Reiserads. Und man hat den Vorteil der Kombi Reynolds/Breitreifen: Gelassener Komfort! Auch die H2O-Bremsen sorgen dafür, dass der Fahrer in jeder Situation das Gefühl hat: alles bestens unter Kontrolle. Lediglich der Druckpunkt wirkt bei manchen herkömmlichen Scheibenbremsen etwas definierter – eine Klage auf hohem Niveau.

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Fazit: Das Rennstahl 853 Pinion rollt grandios locker über praktisch jedes Terrain. Handling und Straßenlage sind mit und ohne Zuladung phänomenal, die Zusammenstellung der zum Teil firmeneigenen Komponenten ist harmonisch und exklusiv. Sie machen das Rad zu einem edlen, fast wartungsfreiem Wohlfühl-Paket. In Anbetracht der Verarbeitungsqualität und der vielen speziellen Titan-Teile ist der Preis von fast 5.000 Euro gerechtfertigt – das gelassene Fahrgefühl und der Spaß auf Tour damit sind ohnehin unbezahlbar.

Text: Georg Bleicher

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Bewertung Rennstahl 853 Pinion 28, RADtouren 3/16.

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