Pedelec-Fahrbericht: Göricke Capri

Pedelec für die City und für Kurztouren

Goericke Capri 2.0: Unscheinbarer Stromer

An den meisten Pedelecs gibt es wenig auszusetzen – außer an ihrer Optik. Mal ist die Rahmengeometrie so sportlich wie die einer Hollywoodschaukel. Mal sitzt der Akku am Rahmen, als hätte jemand eine Brotbüchse angeschraubt. Da bildet das Capri 2.0 des deutschen Traditionsherstellers Göricke eine erfreuliche Ausnahme: Ein klassisches Herrenrad, das sich im Wesentlichen an dem abschließbaren Akkufach unterm Gepäckträger sowie dem Bedienteil am Lenker als Pedelec zu erkennen gibt. Der 250-Watt-Motor in der Vorderradnabe geht bei Laien als Nabendynamo durch. Selbst im flachen und mäßig wohlhabenden Berlin, wo Pedelecs bisher sehr seltene Ausnahmen sind, fiel das Rad während der mehr als 200 Testkilometer niemandem auf.
Umso mehr Eindruck ließ sich beim Ampelstart und an Steigungen schinden. Nach zwei bis drei mühsamen Sekunden eigener Beinarbeit aktiviert die Elektronik den Motor, der stets mit der richtigen Dosierung hilft. Auch in der höchsten Unterstützungsstufe hat der Fahrer nie das Gefühl, dass ihm das Rad unterm Hintern davonjagt. In den beiden schwächeren Stufen ist eher das Gegenteil der Fall: Stufe eins kompensiert kaum das konstruktionsbedingte Mehrgewicht.
Stufe zwei ist angenehm, ideal um im dichten Stadtverkehr gelassen zu gleiten. Bei längeren Touren „zappt“ man gleich auf Stufe drei hoch. Die fühlt sich nach jenem Rückenwind an, mit dem die Hersteller werben. Wobei es sich auf ebener Strecke um eine gefühlt nur leichte Brise handelt, während der Schub bergauf und beim Beschleunigen enorm ist. Halbwegs routinierte Radler erreichen ganz fix Tempo 25 – und merken mit Bedauern, dass sie schneller nur aus eigener Kraft fahren können, weil das Rad wie all seine versicherungsfreien Artgenossen bei diesem Tempo abregelt. Weil das leise Brummen des Motors im Großstadtverkehr untergeht und der Schub gänzlich ruckfrei ein- und aussetzt, ist der genaue Moment kaum spürbar.
Das Capri ist fürs Großstadtrevier bestimmt: relativ aufrechte Sitzposition, leicht geschwungener Lenker mit weichen Gummigriffen, Reifen mit City-Profil, kompletter Kettenschutz. Dazu eine Lichtanlage mit passablem LED-Scheinwerfer. Gebremst wird“ mit zwei V-Brakes und Rücktritt. Letzterer ist mit einer Achtgang-Nabe von Shimano kombiniert.
So unauffällig wie die Optik ist auch das Fahrverhalten – im besten Sinne: Weder in engen oder schnellen Kurven noch beim Bremsen machen sich die stattlichen 23 Kilo unangenehm bemerkbar, allerdings wirken die V-Brakes etwas schwammig. Der Gepäckträger schleppt neben dem Akku auch zwei volle Packtaschen weg, ohne ins Wanken zu geraten. Selbst Abfahrten mit Tempo 50 und Gepäck werden nicht zum Himmelfahrtskommando. Dazu trägt auch der in mattem bronzebraun lackierte Alu-Rahmen bei, der enorm verwindungssteif und sauber verarbeitet ist. Der Preis dafür ist der sehr detaillierte Straßenzustandsbericht an den Fahrer.
Preislich markiert das Capri die elektrifizierte Mittelklasse: Teurere Pedelecs sind nicht stärker, aber teilweise leichter und laut Papier für größere Reichweiten gut. In diesem Punkt gelingt aber dem Testrad eine Überraschung: Statt der angegebenen 35 Kilometer in der höchsten Unterstützungsstufe ist auf flachem Terrain locker das Doppelte drin – sogar, wenn man zwischendurch immer mal wieder die „Turbo-Taste“ nutzt. In bergigem Terrain mit 80-Kilo-Fahrer kann aber auch einmal nach 18 Kilometern der Akku leer sein. Der soll laut Hersteller rund drei Jahre halten. Sechs Stunden Ladezeit mit 78 Watt bedeuten eine Tankfüllung für zehn Cent. Wenn der Strom einmal nicht bis nach Hause reicht, ist es kein Drama: „Offline“ fährt sich das Capri kaum mühsamer als ein alter Mechano-Esel.
Dank der recht genauen Anzeige im Lenker-Display weiß der Fahrer stets, wie weit er ungefähr noch kommt und ob die Elektrik funktioniert. Ansonsten ist das Bedienteil eher die Sparversion eines Fahrradcomputers: Im Stand wird die Gesamtstrecke angezeigt, im Rollen das Tempo und die Tagesstrecke; dazu jeweils der Ladestand. Praktisch: Bei Dunkelheit schaltet automatisch die Hintergrundbeleuchtung zu.
Dass sich der Trennungsschmerz am Ende des Tests in Grenzen hält, ist vor allem dem Gewicht geschuldet: Selbst wenige Stufen einer Keller- oder Bahnhofstreppe werden zur Tortur. Die Schlepperei ist umso mühsamer, weil das Sattelrohr wegen des integrierten Kabelbaums so dick ist, dass es sich kaum umfassen lässt.
FAZIT: Das Capri 2.0 von Göricke ist ein günstiges, rundum gutes Pedelec, um den Aktionsradius mäßig trainierter Radler in der Stadt und auf Tagestouren auch mit Gepäck zu erweitern – speziell in hügeligem Gelände. Für Waldwege und Pflasterstraßen ist der Rahmen arg hart, für sportliche Radler die Nabe mit Rücktritt nur zweite Wahl.

Dynamo am Pedelec

StVO-konform, aber bei Regen keine zuverlässige Stromquelle: der Dynamo.

Pedelec Reifen

Gute Reifenwahl: Schwalbe Energizer in 28-Zoll.

Text: Stefan Jacobs / Fotos: Frank Gleitsmann

Jan Gathmann

Über Jan Gathmann

Obwohl Jan Gathmann als Kind immer nur die Fahrräder seiner Cousins geerbt hat, entwickelte er schon damals eine Ader für das Radfahren – vielleicht lag es an der liebevollen Umgestaltung der Erbstücke durch den Vater. Als Chefredakteur gestaltet Jan Gathmann seit 2009 das RADtouren-Magazin mit. In dieser Zeit und in den Jahren zuvor als Technikredakteur saß er schon im Sattel von geschätzt über 600 Testrädern – bis jetzt ohne Verschleißerscheinungen. Am liebsten greift er (auch in der Freizeit) zum Rennlenker von Randonneuren.

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